Abgeschnitten

Kinoplakat Abgeschnitten

Aus den Versatzstücken irrer Vergewaltiger, junge Frau auf der Flucht und Rache mischt der Film einen Reißer. Moritz Bleibtreu kämpft als verzweifelter Vater um das Leben seiner Tochter.

Die Flucht nach Helgoland endet für Linda mit Gefangenschaft, weil ein Orkan über die Insel fegt und sie vom Rest der Welt abschneidet. Trotzdem hat Linda Angst, dass ihr gewalttätiger Ex-Freund Danny sie aufgespürt hat und ihr auf die Insel gefolgt ist.

Auf dem Festland kämpft der Forensiker Paul Herzfeld gegen das Rechtssystem und gegen die Sturheit seiner Tochter Hannah, die ihn nach allen Regeln der Kunst auflaufen lässt. Wieder im Obduktionssaal entdeckt er im Kopf einer Leiche eine kleine Kapsel aus Metall. Darin steckt ein Zettel, auf dem die Handynummer von Hannah aufgedruckt ist. Ein kurzer Anruf bestätigt die ersten Befürchtungen. Hannah wurde entführt und Herzfeld soll den Anweisungen des Entführers Folge leisten.

Bald darauf klingelt auf Helgoland ein Handy. Weil der Besitzer offensichtlich tot ist, nimmt Linda den Anruf entgegen. Sie ahnt nicht, in was für ein widerwärtiges Spiel sie gezogen wird.

Kritik

Der Krimi nach einer Vorlage des Schriftstellers Sebastian Fitzek setzt darauf den Zuschauer auf die Folter zu spannen. Dazu wird die Handlung an unterschiedlichen Orten vorangetrieben und immer neue Puzzleteile ergeben erst am Schluss das Gesamtbild. Zwischenzeitlich verwirren Rückblenden. Es ist kein Fall zum Mitraten, weil der Zuschauer nicht viel mehr weiß, als die Handelnden.

Die Handschrift des Films setzt auf Übertreibung. Die Figuren überagieren fast durchgängig. Linda (Jasna Fritzi Bauer) flüchtet zu Filmauftakt wie ein kopfloses Huhn über die Insel, weil sie glaubt, ihr Verfolger sei ihr auf den Fersen. Statt im Schutz der Menschenmenge einer Kneipe zu bleiben, rennt sie hinaus ins Schneetreiben. Derart unmotiviert zu handeln mag eine Folge von Panik sein, im Film ist es aufgesetzt.

Der Rechtsmediziner Herzfeld (Moritz Bleibtreu) ist ein Choleriker, dessen aufbrausende Art unbegründet erscheint und die zum Geschehen wenig beiträgt. Sein junger Kollege ist durch eine Dotcom stinkreich geworden, was abgesehen von seinem teuren Auto und der Erwähnung der Automarke das Geschehen nicht bereichert. Ein Täter (Lars Eidinger) ist ein psychisch gestörter Vergewaltiger, der Lust am Quälen hat.

Die Bilder unterstreichen die plastische Herangehensweise durch die Präsentation von Ekel und Schock. So fehlen der ersten Leiche beide Kiefer. Wiederholt werden Leichen in Nahaufnahme seziert. Für Effekte dienen die Kameraaufnahmen und Farbverfälschungen so wie die Zeit. Der Zuschauer wird in die Irre geführt, weil die scheinbare Gegenwart nicht immer eine ist. Ein so starker Stil braucht immer ein entsprechendes Gegengewicht. Da es in diesem Fall fehlt, ist die Handschrift effektheischend.

Die Motivationen der Figuren bleiben überwiegend ohne Erklärungen. Den krassesten Fall stellt Linda dar. Die junge Comiczeichnerin wird auf Helgoland per Handyanruf eines Fremden dazu aufgefordert, eine Leiche vom Strand in die Rechtsmedizin zu transportieren und dort nach Anleitung der Telefonstimme zu sezieren. Warum die Veganerin dem nachkommt bleibt mir schleierhaft. Sie verbittet sich Arbeitsanweisungen, die sinngemäß lauten: "Schneide das auf, das ist wie Filetieren beim Kochen." Unterstützung bekommt sie vom Hausmeister (Fahri Yardim) der Klinik, der ebenfalls keine Fragen stellt. Gegen Ende wird Lindas persönliche Geschichte noch einmal aufgegriffen und in wenigen Sätzen beendet. Damit ist ihre Figur schlecht in die Gesamthandlung eingefügt. Trotz der Lauflänge von gut 130 Minuten bleiben die Personen Schablonen. Die Handlung hat kein Interesse daran sie zu erforschen. Sie setzt voll und ganz auf das Vorantreiben der Story, die bei aller Fantastik wenig Spannung entwickelt. Das was die Schauspieler bieten hat weniger mit Schauspiel zu tun, als vielmehr mit dem Aufsagen von Text. Das ist schade, weil die meisten von ihnen in anderen Filmen bereits Können unter Beweis gestellt haben.

Der Einsatz moderner Technik wie Smartphones ist überstrapaziert. Zudem verwundern die Zufälle. Linda ist am Strand, als das Handy des Toten erstmalig klingelt. Ein Mann hat zufällig in der Betriebsanleitung seines Autos gelesen, welche Charakteristika Geokoordinaten aufweisen. Die Logik ist so eine Sache. Beispielsweise fliegt ein Rettungshubschrauber durch das nächtliche Schneetreiben und anschließend bei einem Orkan auf die Insel.

Spannung kommt bei mir keine auf, denn das Szenario ist aufgesetzt und zu viele Szenen sind vorhersehbar. Bei der Zusammenführung der Handlungs-Fäden und der Aufdeckung der Hintergründe verzichtet der Film auf Realismus. Ich kann nicht glauben, wer mit wem zusammengearbeitet hat.

Fazit
Die Idee gefällt. Ein psychisch gestörter Vergewaltiger kommt nach Verbüßung der Gefängnisstrafe auf freien Fuß und schnappt das nächste Opfer. Dadurch tritt er ein Rache-Drama los, dessen Parallelen und Verbindungen unglaubwürdig sind und weshalb die Umsetzung nicht gefällt.

Nach dem Lesen des Romans "Die Therapie" von Sebastian Fitzek habe ich beschlossen keine weiteren Bücher des Autors lesen zu wollen. Ich will nicht behaupten, ein Kenner von Fitzeks Stil zu sein und das Folgende ist eine Vermutung. Im Film "Abgeschnitten" trifft wahrscheinlich Fitzeks fantastische Vorlage auf den zur Überzeichnung neigenden Stil von Regisseur Christian Alvart. Das Ergebnis hat die Bodenhaftung verloren.
Filmkritik: Thomas Maiwald
Wertung: 50 %


Land: Deutschland
Jahr: 2018
Laufzeit ca.: 131
Genre: ActionKrimiSpannung
Verleih: Warner Bros.
FSK-Freigabe ab: 16 Jahren

Kinostart: 11.10.2018
Heimkino: -

Regie: Christian Alvart
Drehbuch: Christian Alvart
Literaturvorlage: Sebastian Fitzek • Michael Tsokos

Schauspieler: Moritz Bleibtreu (Paul Herzfeld) • Jasna Fritzi Bauer (Linda) • Lars Eidinger (Jan Erik Sadler) • Fahri Yardim (Ender Müller) • Enno Hesse (Ingolf von Appen) • Christian Kuchenbuch (Philipp Schwintowski) • Urs Jucker (Jens Marinek) • Barbara Prakopenka (Hannah Herzfeld) • Niels-Bruno Schmidt (Udo Bandrupp) • Ben Münchow (Tom) • Jana Klinge (Korn) • Alexander Yassin (Schöffe)

Produktion: Christian Alvart • Siegfried Kamml • Hartmut Köhler • Barbara Thielen • Regina Ziegler
Szenenbild: Thomas Stammer
Kostümbild: Heike Fademrecht
Maskenbild: Britta Balcke • Tanja Drewitz
Kamera: Jakub Bejnarowicz
Musik: Maurus Ronner • Christoph Schauer
Schnitt: Marc Hofmeister


Bild: Warner Bros.

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