Tausend Zeilen

Kinoplakat Tausend Zeilen

In unregelmäßigen Abständigen sorgen die Medien für selbstverantwortete Skandale. Im Jahr 1983 druckte die Illustrierte "Stern" Auszüge aus Tagebüchern von Adolf Hitler. Wenige Wochen später folgte auf die Sensation die Ernüchterung. Die Tagebücher waren eine Fälschung. Der Skandal kam unter dem Titel "Schtonk!" im Jahr 1992 ins Kino.
Im Jahr 2018 musste der "Spiegel" zugeben, dass viele im Magazin veröffentlichte Reportagen des Journalisten "Claas Relotius" teilweise erfunden waren. Der Skandal kommt im Jahr 2022 unter dem Titel "Tausend Zeilen" in die Kinos. Regie führte Michael Herbig, der den Wirbel als Komödie umsetzte.

Das Nachrichten-Magazin "Chronik" ist nach eigenen Angaben europäischer Marktführer. Allerdings leidet es wie viele andere unter der Konkurrenz des Internets und die Auflagen sinken, die Einnahmen durch Werbung schwinden. Darum schwört die Chefetage auf ihr Zugpferd Lars Bogenius, der ergreifende Reportagen über Themen schreibt, die Leser ansprechen. Der Klassiker, also der politische Journalismus, hat laut Chefredaktion keine Zukunft mehr. Und Lars Bogenius liefert. Er führt Interviews und besucht Menschen in Krisengebieten. Reist zur amerikanisch-mexikanischen Grenze und geht mit Grenzschützern auf Streife. Es ist unglaublich, was er darüber zu berichten weiß. Das lässt seinen Kollegen Juan Romero alt aussehen. Der ist verärgert, weil er gemeinsam mit Bogenius eine Titelgeschichte schreiben soll. Den interessanten Teil liefert Bogenius und Romero den Rest. Beim Redigieren des Artikels fallen Romero Ungereimtheiten auf. So liegt der beschriebene Ort nicht an den Bergen. Das Foto eines Grenzschützers stammt aus einer Dokumentation, in der der Mann einen anderen Namen trägt als im Artikel. Die Chefetage tut Romeros Bedenken ab. Der reist an die Orte, an denen Bogenius gewesen sein will und interviewt einen Mann, mit dem der Kollege auch gesprochen haben will. Der Zeuge bestreitet die im Artikel dargestellten Behauptungen und stellt klar Bogenius nicht zu kennen. Dieses Video überzeugt die Chefetage des Magazins "Chronik" nicht. Sie wollen ihrem Star glauben und bezichtigen Romero der Lüge.

Kritik

Der dem Film zugrunde liegende Skandal klingt wie eine Detektivgeschichte. Das Drehbuch und die Regie machten daraus eine Komödie. Eine unglückliche Entscheidung, denn Inhalt und Stil wollen nicht so recht harmonieren.

Elyas M'Barek spielt einen gestressten Reporter, weil das lustig ist und rasende Reporter immer im Stress sind. Nicht die Nachforschungen stehen im Mittelpunkt, sondern diverse Probleme. Das Familienleben fordert Romero mindestens im selben Maße wie der berufliche Alltag. Die Ehefrau macht "Foodporn" und hat einen Vlog im Internet. Sie wirft ihrem Mann vor, dass er von seinem Beruf besessen ist und die Familie durch sein Verhalten gefährdet. Denkbar. Dank der Ehefrau ist das Thema neue Medien abgearbeitet. Szenen wie die mit der Fahrkarten-Kontrolle zeigen, unter welchem Druck der Journalist Romero steht. Handwerklich geschickt sind sie nicht. Zudem ist Romero auch für Humor gut. Da soll es lustig sein, dass der amerikanische Grenzschützer ihn für den Fahrer hält, weil Romero kein deutsches Gesicht hat.

Das Gegenteil des unter Dauerspannung stehenden Romero ist der Goldjunge Lars Bogenius gespielt von Jonas Nay. Der lässt es sich gutgehen, während er seine Reportagen erfindet. Nay spielt den Goldjungen nett, insgesamt bleibt die Figur zu blass, weil sie ohne Erforschung auskommen muss. Schade, denn es wäre auch in einer Komödie möglich darzulegen, was einen Menschen antreibt. War es Geltungssucht? Leicht verdientes Geld?

In der Chefetage des Nachrichten-Magazins arbeiten Karikaturen. Die spielen in der Freizeit Golf und springen mit ihren Journalisten während Konferenzen so um, wie das in lustigen deutschen Filmen auszusehen hat. Dass der nicht im Film nicht genannte "Spiegel" kein Interesse an Sitzungen der SPD hat, ist dichterische Freiheit.

Nicht unbedingt gefällig sind die Stilmittel. Die gesamte Handlung ist dick aufgetragen und überzogen. Die Chefetage des Nachrichten-Magazins fällt auf plumpe Fehler herein. Szenen frieren ein und die Kontrahenten erzählen dem Publikum ihre Sicht der Dinge. Das Stilmittel der Wiederholung fällt auf. In ähnlichen Szenen beobachtet Jonas Nay die Umgebung und lässt Gesehenes in seine Texte einfließen. Michael Ostrowski als Milo wird mehrfach aus dem Schlaf geklingelt. Um nur Beispiele zu nennen.

Fazit
"Tausend Zeilen" nimmt den Skandal aus dem Jahr 2018 zum Anlass eine Komödie zu erzählen. Elyas M'Barek beweist sich nach dem "Fall Collini" in einer ernsten Rolle.
Filmkritik: Thomas Maiwald
Wertung: 50 %


Alternativtitel: 1000 Zeilen
Land: Deutschland
Jahr: 2022
Laufzeit ca.: 93
Genre: Komödie
Verleih: Warner Bros.
FSK-Freigabe ab: 12 Jahren

Kinostart: 29.09.2022

Regie: Michael Herbig
Drehbuch: Hermann Florin
Literatuvorlage: Juan Moreno

Schauspieler: Elyas M'Barek (Romero) • Jonas Nay (Lars Bogenius) • Michael Ostrowski (Milo) • Michael Maertens (Rainer Habicht) • Jörg Hartmann (Christian Eichner) • Marie Burchard (Anne Romero) • Sara Fazilat (Yasmin Saleem) • Kurt Krömer • David Baalcke (Sören Osterom) • Jeff Burrell (Jack Webber) • Christian David Gebert (Eloise) • Marcus Morlinghaus (André Jung) • Christian Heiner Wolf (Anwalt) • Ibrahim Al-Khalil (Jamal) • Smilla Löhr (Jule) • Alma Löhr (Elsa Romero) • Milena Kaltenbach (Ellie) • Katrin Schmölz (Empfangsdame) • Alexander J. Beck (Herr Karsunke)

Produktion: Hermann Florin • Sebastian Werninger
Szenenbild: Bernd Lepel
Kostümbild: Janne Birck
Maskenbild: Georg Korpás • Amelie Hartwig • Anne-Marie Walther
Kamera: Torsten Breuer
Ton: Roland Winke
Musik: Ralf Wengenmayr
Schnitt: Alexander Dittner


Bild: Warner Bros.

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Befriedigend
22.09.22
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