Willkommen in Marwen

Kinoplakat Willkommen in Marwen

Seine körperlichen und seelischen Verletzungen arbeitet Mark mithilfe von Kunst und einer Kunstwelt auf. Dort ist er der Held und diktiert die Gesetze. Hier kann ihm niemand mehr wehtun und für seine Vorlieben verlachen.

Nach dem Angriff von Schlägern hat Mark sein Gedächtnis und sein Talent als Illustrator verloren. Das Trauma kuriert er aus, indem er seinen Schmerz abstrahiert und in seinem Garten Szenen des Zweiten Weltkriegs nachspielt und fotografiert. Ort des Geschehens ist das fiktive Marwen, das in Marks Fantasie in Belgien liegt und von Nazis belagert wird. Das kleine Dorf besteht aus wenigen Gebäuden und einer Handvoll Bewohner. Bis auf Marks Miniatur-Ego Captain Hogie sind es starke Frauen, die ihn verehren. Doch keine darf ihm zu nahe kommen, denn dann greift die belgische Hexe an. Eines Tages zieht in der Realität im Haus gegenüber eine neue Nachbarin ein und bekommt in Marwen schnell einen Platz. Nicol sorgt für Unruhe in dem Dorf, denn sie kann Hogie nicht widerstehen.

Kritik

Die Story über einen traumatisierten Mann basiert auf einem realen Fall, über den ein Dokumentarfilm gedreht worden ist, den der Spielfilm als Grundlage nimmt. In Sequenzen übernehmen Puppen die Handlung und erzählen abwechselnd mit den realen Personen die Geschichte von Mark Hogancamp.

Den Drehbuchautoren Robert Zemeckis und Caroline Thompson gelingt es bedauerlicherweise nur bedingt den schwierigen Fall für ein breites Publikum aufzubereiten. Sie arbeiten mit einer klassischen Dramaturgie, bei der die Vergangenheit in das Geschehen der Gegenwart eingeflochten ist. Derart bekommt Mark eine rudimentäre Vita, die auf wenigen Eckpunkten basiert. Der heterosexuelle Mann hat einen Fetisch für Frauenschuhe und trägt selbst gerne welche. Sein eigenartiges Verhalten nach dem Überfall begründet die Handlung, indem der Zuschauer den Albtraum miterlebt. Weiterhin vermittelt der Film, warum Mark reale Personen als Puppen auftreten lässt. Das mag dem realen Mark Hogancamp entsprechen - doch für den Zuschauer bietet die Handlung wenig.

Im Grunde geht es um die Auflösung des Traumas, doch Mark tritt lange Zeit auf der Stelle. Das bedeutet für den Zuschauer, dass die bösen Nazis Marwen wieder und wieder angreifen. Die vielen Action-Szenen sollen den Stoff leichter zugänglich machen - doch es mangelt an Fortschritt und Abwechslung. Auch ein Gegengewicht fehlt in der Hinsicht, dass die wenigen realen Bewohner der kleinen Siedlung, in der Hogancamp lebt, allesamt nachsichtig sind. Wäre nicht das Trauma, lebte Mark in einer heilen Welt. Nur Nicols Ex darf Mark infrage stellen. Was die Kurzauftritte des Ex nur schlecht rechtfertigt (dazu später mehr). Beziehungen außerhalb der Dorfgrenzen spielen für ihn keine Rolle. Eltern oder Geschwister scheint Mark nicht zu haben. Das kann dem realen Fall geschuldet sein.

Schade ist, dass die in der Fantasie starken Frauen in der Realität wenig Raum bekommen. Wendy ist Namensgeberin von Marwen (einem Zusammenzug aus Mark und Wendy). Sie hat ein Interesse an Mark, das er anfangs nicht teilt. Sie sieht es ihm sogar nach, dass später aus Marwen Marwencol wird (Mark, Wendy, Nicol). Das Drehbuch entwickelt an Wendy ansonsten wenig Interesse.
Was auch Nicol (Leslie Mann) betrifft, die Frau, in die Mark sich verliebt. Nicol wird von einem Ex verfolgt, der angeblich nur ein Flirt ist. Dieser und andere Hinweise deuten an, dass Nicols Vergangenheit nicht eitel Sonnenschein war. Einen Ausbau bekommt Nicols Rolle nicht. Sie hat einen Beruf, dem sie nie nachgeht, und eine Leidenschaft für Tee. Vielleicht ist es bei ihr eine Art Berufskrankheit, dass sie Interesse für Mark entwickelt, weil sie als Pflegerin arbeitet. Ausgearbeitet ist dieser Umstand nicht.
Auch Steve Carrell bekommt in seiner Rolle wenig Raum zur Entfaltung und lässt nicht an Charakterschauspiel denken. Er spielt den Sonderling Mark grundsätzlich sympathisch, schafft es jedoch nicht, dass ich mich für seine Rolle interessiere. Seine Figur zeigt interessante Ansätze, die mehrheitlich im Sande verlaufen.
Es ist im Film die Rede von der "Essenz der Frauen" mit der Mark verbunden sein möchte. Was damit gemeint ist, vermag ich nicht zu deuten. Wahrscheinlich hat Mark vor dem Überfall zu viel getrunken. In der Jetztzeit ist er trocken und rührt keinen Alkohol mehr an. Chancen, die darin bestehen das Thema Alkohol beziehungsweise Alkoholismus auszubauen, nutzt die Dramaturgie nicht.

Die Action bildet ein tragendes Element. Das mag dem Umstand geschuldet sein, dass der reale Mark als Künstler arbeitet und der Film seine Geschichte deshalb als Kunst inszenieren will. Vielleicht ist es auch die Idee, das fordernde Thema zugänglich zu inszenieren. Eine genaue Deutung ist schwierig, weil der Film in seinen Aussagen insgesamt schwammig bleibt. In  den Trick-Sequenzen treten animierte Actionfiguren auf, deren Gesichter an Wachsfiguren erinnern. Ihr Verhalten ist stark überzogen und das Aussehen der Frauen grenzt an Karikaturen. Für meinen Geschmack tobt sich der Film zu sehr in den Szenen aus und gibt ihnen zu viel Raum.

Fazit
Der Film " Willkommen in Marwen" abstrahiert ein sehr persönliches Thema und bietet den Reiz des Eigenwilligen. Der eigenartige Schwerpunkt macht aus dem Drama ein Action-Drama. Mich berührt die Handlung nicht, denn es fehlt der Ausbau von angerissenen Fragestellungen. So kratzt Marks eigenes Rollenverständnis an Transgender ohne dem Thema nachzugehen. Obwohl Mark Frauen liebt und verehrt sind die animierten Figuren unglücklich überzeichnet und gleichzeitig auf Amazonen reduziert.
Filmkritik: Thomas Maiwald
Wertung: 50 %


Original Filmtitel: Welcome to Marwen
Land: USA
Jahr: 2018
Laufzeit ca.: 115
Genre: BiografieDrama
Verleih: Universal Pictures International
FSK-Freigabe ab: 12 Jahren

Kinostart: 28.03.2019
Heimkino: -

Regie: Robert Zemeckis
Drehbuch: Robert Zemeckis • Caroline Thompson

Schauspieler: Steve Carell (Mark Hogancamp / Cap'n Hogie) • Falk Hentschel (Captain Topf / Louis) • Matt O'Leary (Lieutenant Benz / Carl) • Nikolai Witschl (Rudolph / Rudy) • Patrick Roccas (Stefan / Stevie) • Alexander Lowe (Werner / Vern) • Eiza González (Carlala) • Leslie Zemeckis (Suzette) • Merritt Wever (Roberta) • Gwendoline Christie (Anna) • Stefanie von Pfetten (Wendy) • Janelle Monáe (GI Julie) • Leslie Mann (Nicol) • Neil Jackson (Kurt / Major Meyer)

Produktion: Cherylanne Martin • Jack Rapke • Steve Starkey • Robert Zemeckis
Szenenbild: Stefan Dechant
Kostümbild: Joanna Johnston
Maskenbild: Ve Neill
Kamera: C. Kim Miles
Musik: Alan Silvestri
Schnitt: Jeremiah O'Driscoll


Bild: Universal Pictures International

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