Breakfast on Pluto

Kinoplakat Breakfast on Pluto

Patrick "Kitten" Braden ist ein uneheliches Kind. Das Ergebnis einer Liebschaft zwischen dem Dorfgeistlichen und seiner Haushälterin in der irischen Pampa. Im bigotten und streng katholischen Irland eine Katastrophe. Die Mutter verabschiedet sich deshalb nach seiner Geburt nach England, der geistliche Vater gibt ihn schnellstens zu einer Pflegemutter.

Der Film "Breakfast On Pluto" von Regisseur Neil Jordan basiert auf dem gleichnamigen Roman von Patrick McCabe aus dem Jahr 1992. Der Film beginnt im London der 1970-er Jahre. Eine aufregende Schönheit schiebt ein Wägelchen die Straße entlang. Die perfekt geschminkte und hochmodisch gekleidete junge Frau kommt dabei an einer Baustelle vorbei. Die Bauarbeiter pfeifen ihr anerkennend hinterher. Da dreht sie sich um, gibt eine ironische Antwort – und entpuppt sich als er. Es ist Patrick "Kitten" Braden (großartig: Cillian Murphy, bekannt aus "28 Days Later", "Red Eye" und "Batman Begins"), ein stadtbekannter Transvestit, der es in den 1970-er Jahren in London zu einiger Berühmtheit brachte.

Nun beginnt Kitten uns seine Geschichte zu erzählen. Sie beginnt 1958 im irischen Tyreelin, einem hübschen Dörfchen irgendwo an der Grenze zu Nordirland, jedenfalls aus der Vogelperspektive. Zwei niedliche Rotkehlchen beobachten, während sie Löcher in die Verschlussfolien der Milchflaschen hacken, wie eine schlanke, blonde Frau ein Baby auf die Stufen des örtlichen Pfarrhauses legt und kurz an die Tür klopft. Danach hastet sie davon. Der Pfarrer (herrlich schuldbewusst: Liam Neeson, bekannt aus "Gangs Of New York") öffnet und starrt entsetzt das Baby an. Im Dorf erzählt man sich, dass der Pfarrer seine junge blonde Haushälterin ganz anders angesehen hat, und dass er seit ihrem Weggang ziemlich niedergeschlagen ist. Mit wehender Soutane bringt Pfarrer Bernard das kleine Bündel zu Ma Braden (überzeugend: Ruth McCabe), der Besitzerin des örtlichen Pubs.

Kitten überspringt in seiner Erzählung die nächsten neun oder zehn Jahre. Der kleine Patrick (niedlich: Conor McEvoy) hat inzwischen entdeckt, wie aufregend Mädchenkleider und Lippenstift sind. Er klaut die Sachen samt Stöckelschuhen bei seiner großen Stiefschwester, die ihn natürlich bei Ma Braden verpetzt. Und die wiederum verflucht den Tag "an dem ich dich aufgenommen habe". So erfährt Patrick, dass Ma Braden gar nicht seine richtige Mutter ist. Aber wer ist es dann? Er berät sich mit seinen Freunden. Das sind das Mädchen Charlie (Bianca O'Connor), und die Jungs Irwin (Emmet Lawlor McHuhg) und Laurence (Seamus Reilly), der an dem Downsyndrom leidet. Das Quartett hält zusammen wie Pech und Schwefel, und natürlich versuchen sie auch zusammen das Geheimnis von Paddys Mutter zu entschlüsseln. Laurence Vater gibt ihnen den entscheidenden Hinweis: Paddys Mutter heißt Eily Bergin (bezaubernd: Eva Birthistle), sie war das schönste Mädchen der Stadt, sie ähnelte dem Filmstar Mitzi Gaynor, und Laurence Vater hat sie einmal auf den Straßen von London gesehen. Ein paar Jahre später bekommt Paddy noch einen wichtigen Hinweis auf seine Abstammung: als er heimlich einen Brief an Ma Braden öffnet, enthält der einen Scheck von Vater Bernard. Paddy, der sich inzwischen zum Mascara bemalten Glam-Rock-Star des Dorfes entwickelt hat, stellt Vater Bernard zur Rede, erklärt ihm, dass er von seiner Mutter Eily Bergin weiß, und fordert Aufklärung. Doch er erhält nur ein umso beredteres Schweigen. Aber Paddy lässt nicht locker. Zum Entsetzen seiner Lehrer schreibt er einen Aufsatz, in dem er detailliert und voller Fantasie beschreibt, wie Vater Bernard seine unschuldige Haushälterin vergewaltigt. Das zieht natürlich Ärger mit sich, und zwar gewaltigen. Doch Patrick lässt sich nicht unterkriegen. Durch den Druck kreiert er nun seine neue "Persönlichkeit": Er wird zu Kitten, dem androgynen Wesen, der alle schockiert und vielen den Kopf verdreht, und der immer wieder Ziel der tätlichen Angriffe von Gangs wird. Als er eines Abends zusammen mit seinen Freunden Charlie, Irwin und Laurence einer üblen Schlägerei zu entkommen versucht, werden die vier Freunde von einer Motorradgang gerettet. Die Biker entpuppen sich als Anhänger von Druiden-Mythen und gutem Dope. Der Chef der Biker schwärmt davon, einmal auf den himmlischen Highways zu fahren und "auf dem Pluto zu frühstücken".

Da fasst Patrick "Kitten" den Entschluss, sein bigottes und verschlafenes Dorf zu verlassen, sich die Welt anzusehen und seinen Horizont zu erweitern. Als er wegen einer weiteren Frivolität der Schule verwiesen wird, stellt er sich an die Straße und hebt den Daumen. Ein Van nimmt Patrick mit. Es ist der Wagen von "Billy Rock And The Mohawks", einer etwas seltsamen Rockband. Die Band spielt Rockabilly, bemalt sich dazu mit Glam-Makeup, und stellt auf der Bühne auch noch indianische Themen aus dem Wilden Westen dar. Der super männliche Billy Rock (zum knuddeln: der ehemalige Rockstar Gavin Friday) ist der Chef der Band, und verliebt sich aus dem Stand in Patrick. Natürlich sehr zum Missfallen der anderen Bandmitglieder. Doch für Patrick ist Billy sein Ritter in schimmernder Rüstung und sein Beschützer. Nach einem total missglückten Auftritt als Indianer Squaw, überzeugt Billy Kitten, als sein kleines "Frauchen" in einem Wohnwagen auf ihn zu warten. Kitten nimmt seine neue Rolle sehr ernst: er wäscht und putzt und räumt und kehrt, und macht aus dem verlotterten Wohnwagen, der irgendwo im Nirgendwo auf den Klippen steht, ein wohnliches Zuhause, wo er auf seinen Billy wartet und für ihn kocht. Doch beim Saubermachen entdeckt Kitten auch eine Geheimtür im Boden. Als er sie öffnet sieht er, dass Billy dort ein Waffenlager für die IRA hat, mit der er sympathisiert.

Doch Billy ist nicht der einzige. Auch Irwin, Kittens Jugendfreund, ist inzwischen ein hohes Tier bei der IRA. Das kommt Kitten bald zugute. Als er nämlich miterlebt, wie sein Jugendfreund Laurence bei einem IRA-Anschlag ums Leben kommt, beschließt er, daheim "aufzuräumen". Er wirft die ganzen Waffen einfach ins Meer. Was natürlich weder Billy noch den IRA-Leuten gefällt, die Kitten deswegen töten wollen. Doch als er erwähnt, dass er ein enger Freund von Irwin ist, lassen sie ihn laufen. Durch diesen Vorfall gerät aber auch Irwin in Verdacht, mit dem Feind zu kollaborieren, und soll dafür mit dem Leben bezahlen. Patrick hat von dem allen inzwischen die Nase voll und beschließt, in London nach der "Phantom Lady", seiner Mutter Eily Bergin, zu suchen. Und damit beginnen neue Abenteuer: zunächst erweist sich jede Adresse, die zu seiner Mutter gehören könnte, als unzutreffend. Zusammen mit dem merkwürdigen John-Joe (hervorragend wie immer: Brendan Gleeson) arbeitet er im Vergnügungspark als "Womble". Er wird von dem furchterregenden Mr. Silky String (da bekommt man Gänsehaut: Rockstar Brian Ferry) fast erwürgt, und landet schließlich bei dem zweitklassigen Zauberer Bertie (wunderbar: Stephen Rea). Der verliebt sich in den wunderschönen Kitten und macht ihn zum Bestandteil seiner Show. Als Kitten dann eines Nachts fröhlich in einer Diskothek tanzt, gibt es eine gewaltige Explosion. Er überlebt den Anschlag leicht verletzt, wird aber, weil er aus Irland kommt, als Bomberleger verdächtigt. Im Gefängnis macht er eine schlimme Zeit durch, wird ständig verhört und verprügelt, bis die Polizisten schließlich einsehen, dass sie den falschen erwischt haben. Wieder auf der Straße bleibt Kitten nichts anderes übrig, als auf den Strich zu gehen. Da taucht einer der Polizisten auf, die ihn verhört haben, und ermöglicht es Kitten, sich einer Gruppe ehemaliger Stricher anzuschließen. Die haben eine eigene legale Peepshow eröffnet, und dort findet Kitten eine sichere Unterkunft und Arbeit.

Doch die Vergangenheit lässt ihn nicht in Ruhe. Plötzlich steht Vater Bernard vor ihm und gesteht, ihn immer geliebt zu haben, und ihm bei der Suche nach seiner Mutter helfen zu wollen. So steht Kitten schließlich vor seiner Mutter Eily. Kitten hat sich als Geschäftsfrau verkleidet, die für die British Telecom arbeitet und eine Umfrage durchführt. So lernt Kitten also seine Mutter kennen, die geheiratet hat, einen kleinen Sohn namens Patrick hat, eine einfache Hausfrau ist und immer noch wie Mitzi Gaynor aussieht. Kitten beschließt, seine wahre Identität nicht zu enthüllen. Da erreicht ihn die Nachricht, dass sein Jugendfreund Irwin ermordet wurde. Irwin war mit Charlie liiert, die von ihm schwanger ist. Charlie und Kitten treffen sich bei Vater Bernard, der sie liebevoll aufnimmt. Doch das bigotte Dorf kann diese Mènage à Trois nicht begreifen: ein alter Pfarrer, ein unverheiratetes Mädchen, das schwanger ist, und dazu noch der Transvestit: ein Affront für jeden gläubigen Christen! Kurz danach fliegt ein Molotow-Cocktail durch die Fenster und setzt die Kirche und das Pfarrhaus in Brand.

Kritik

Der Film "Breakfast On Pluto" ist bereits die zweite Zusammenarbeit von Regisseur Neil Jordan und Schriftsteller Patrick McCabe. Die erste war der großartige Film "The Butcher Boy – der Schlächterbursche". Der Film "Breakfast On Pluto" ist ein Film, der trotz seiner 135 Minuten nicht eine Sekunde langweilig ist. Die Geschichte über das Leben eines jungen Mannes, der eigentlich zutiefst depressiv sein müsst ob all der schrecklichen Dinge, die ihm wegen seines "anders Seins" passieren, und der doch immer ein fröhlicher Optimist bleibt und selbst Mordversuche und Folter ziemlich unbeeindruckt übersteht, ist einfach faszinierend. Sie hat mich derart gefangen genommen, dass ich mir den Film am liebsten gleich noch einmal angesehen hätte. Denn Neil Jordan hat ihn nicht auf die übliche Art erzählt, sondern sozusagen als verspieltes, humorvolles, amüsantes du interessantes Märchen. Er lässt Patrick seine Geschichte als Märchenerzähler aus dem Off vortragen, dazu kommen noch diese wunderbar-albernen Rotkehlchen, die überall piepsend ihren Senf dazu geben, was man durch Untertitel auch als Zuschauer verstehen kann. Eine Idee, die ich einfach köstlich finde. Dass alles trotz der Märchenhaftigkeit doch einen sehr realistischen Eindruck macht, ist den großartigen Schauspielern zu verdanken. Jede noch so kleine Rolle ist einfach hervorragend besetzt, es macht Spaß, die liebevolle Ausstattung der Drehplätze zu sehen, der Kleidung, des ganzen authentischen Feelings der 1960-er und 1970-er Jahre. Besonders erwähnenswert ist der Soundtrack, der ein herrliches Wiederhören mit den Songs der 1970-er Jahre bringt: "Sugar Baby Love" mit den Rubettes, "You're Such A Good Looking Woman" mit Joe Dolan, "Me And My Arrow" mit Harry Nilsson oder "Honey" mit Bobby Goldsboro. Und jeder einzelne Song passt so haargenau zu der entsprechenden Szene, dass es eine wahre Freude ist.

Fazit
Der Film "Breakfast On Pluto" ist einer jener Filme, die in keines der gängigen Schemata passen. Er ist eine Biografie – schließlich hat es Kitten ja wirklich gegeben – mit politischen Anklängen, der hautnahen Beschreibung eines Transvestiten mit überaus komischen Einlagen, der Beschreibung der sozialen Situation Irlands und Londons in dieser Zeit, und einer Beschreibung der Musikszene und ihrer Stars dieser Zeit. Kitten sieht zeitweise aus wie Marc Bolan von T.Rex oder der junge David Bowie. Ach ja, Mord und Totschlag gibt es ja auch noch, und kirchenkritische Anklänge, und Comic-Einlagen. Hab ich was vergessen? Das können Sie leicht feststellen, wenn Sie sich den Film ansehen. Und das sollten Sie auf alle Fälle, denn selten hat mir ein Film, der sich abseits der ausgetretenen Pfade bewegt, so gut gefallen. Große Klasse!
Filmkritik: Julia Edenhofer
Wertung: 80 %


Land: GroßbritannienIrland
Jahr: 2005
Laufzeit ca.: 135
Genre: DramaKomödieLGBT
Verleih: Sony Pictures
FSK-Freigabe ab: 12 Jahren

Kinostart: 25.05.2006
Heimkino: 12.12.2006

Regie: Neil Jordan
Drehbuch: Neil Jordan • Pat McCabe
Literaturvorlage: Pat McCabe

Schauspieler: Cillian Murphy (Patrick 'Kitten' Braden) • Morgan Jones (Arbeiter) • Eva Birthistle (Eily Bergin) • Liam Neeson (Vater Liam) • Mary Coughlan (Hausmeisterin) • Ruth McCabe (Ma Braden) • Charlene McKenna (Caroline Braden) • Seamus Reilly (Lawrence) • Peter Owens (Butcher) • Paraic Breathnach (Benny Feely) • Pat McCabe (Peepers Egan) • Owen Roe (Dean) • Ruth Negga (Charlie)

Produktion: Neil Jordan • Alan Moloney • Stephen Woolley
Szenenbild: Tom Conroy
Kostümbild: Eimer Ni Mhaoldomhnaigh
Maskenbild: Sharon Doyle • Lorraine Glynn • Lynn Johnston
Kamera: Declan Quinn
Musik: Anna Jordan
Schnitt: Tony Lawson


Bild: Sony Pictures

1 customer review

gut
25.05.06
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