Der Trafikant

Kinoplakat Der Trafikant

Die Verfilmung des gleichnamigen Romans kommt als moderne Umsetzung ins Kino, die kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs spielt. Ihr Drehpunkt ist eine Tabaktrafik in Wien, die den Schnittpunkt für unterschiedliche Schicksale bildet.

Die Zeit des Heranwachsens ist ein schwieriger Abschnitt im Leben. Das erfährt der siebzehnjährige Franz, der in politisch turbulenten Zeiten seinen Weg finden muss. Zunächst verschlägt es ihn vom Salzkammergut nach Wien. Dort tritt er die Stelle als Lehrbursche in einem Tabakwarenladen an. Kurz nach seiner Ankunft beginnt es in Österreich zu schwelen. Ein Kunde fragt nach einer nationalsozialistischen Zeitung, die der Laden nicht führt. Woraufhin der Kunde dem Trafikant (Ladenbesitzer) offen droht. Der Beschimpfte hat im Ersten Weltkrieg sein Bein für das Vaterland eingebüßt und ist nicht gewillt noch einmal in den Krieg zu ziehen. Franz hat andere Probleme. Er entbrennt in inniger Liebe zu der einige Jahre älteren Anezka. Die ist auch sexuell reifer als er und eine Opportunistin, während Franz gegen die einrückenden Nazis steht.

Kritik

Die Rahmenbedingungen sind schnell hingeworfen im "Trafikant". Drei der Hauptdarsteller stehen aufseiten der Guten, während Anezka eine Mitläuferin ist wie auch einige der Nachbarn in Wien. Im Salzkammergut hadert Franz' Mutter mit dem Zeitenwandel. Und mit dem Drehbuch, das leider keiner seiner Personen einen Charakter verleiht geschweige denn eine Weiterentwicklung.

Die Hauptrolle Franz ist entweder sehr unbedarft oder anderweitig schwer zu deuten. Simon Morzé schaut die meiste Zeit unbestimmt in die Kamera. Eine Erklärung aus welchen Gründen der von ihm gespielte Franz eine Meinung zur Politik hat ist nur bedingt zu erkennen. Franz' hat Tagträume, in denen er ein Held ist. Die können eine Begründung dafür sein, dass er am Schluss handelt und einen Standpunkt bezieht. Sein Ausbilder Otto Trsnjek (Johannes Krisch) hat nur wenige Auftritte, in denen er Positionen vertritt. Ein Ausleuchten des Verhältnisses Ausbilder und Lehrbursche spendiert der Film uns nicht.
Ebenso wenig arbeitet er heraus, warum Franz von Anezka fasziniert ist. Der lebensfrohen, jungen Frau, die dem Jungmann Franz in die körperliche Liebe einführt und ihm den Kopf verdreht. Doch warum zieht sie ihn an? Emma Drogunova als Anezka ist weder verführerisch noch geheimnisvoll. Somit vielleicht genau das, worauf ein Siebzehnjähriger sein Verlangen projiziert.

Die Liebe kann auch Franz' neuer Freund Professor Sigmund Freud (Bruno Ganz) ihm nicht erklären. Der soll zwar ein väterlicher Ratgeber sein, doch mehr als Weisheiten von Kalenderblättern zu lesen, macht er nicht. So sagt er, dass man das Wasser nicht verstehen muss, um in es hineinzuspringen. Einer Klientin erklärt er, dass Lust und Scham nahe beieinanderliegen. Und sie solle aufhören Torten zu essen. Die Deutung des Satzes, dass sie sich weniger schämen soll und stattdessen ihre Lust leben, stammt vom Kritiker. Alles in allem bleiben die Figuren oberflächlich.

Weiterhin arbeitet der Film die Motive der Zeit ab, die der Zuschauer von einem historischen Film erwarten darf. Der rote Egon protestiert gegen die Nazis und wählt den Freitod, den die Nazis für ihre Propaganda verdrehen. Die Trafik wird mit Blut beschmiert, der Inhaber denunziert und abgeführt. Der jüdische Professor Freund verlässt mit seiner Familie das Land.

Zwischendurch hat Franz immer wieder seltsame Träume, die er aufschreibt. Sie dienen in erster Linie einer experimentellen Note, die dem Film die Anmutung verleiht einen alten Stoff modern umzusetzen. Darum tollt das junge Paar nach dem Akt übermütig nackt im Schnee. Was nicht ins Bild der Zeit passt. Sigmund Freud liegt unbekleidet in einem sinkenden Boot, aus dem Franz das Wasser schöpft. Im dramatischen Höhepunkt lässt Freud die Zigarre fallen. Zudem fällt auf, wie oft Wasser im Film vorkommt. Es kann das Unterbewusste repräsentieren oder dem Umstand geschuldet sein, dass Franz am See zuhause ist. Das Lokalkolorit entspricht der Zeit. Wobei nur wenige Orte gezeigt werden und mehrfach vorkommen. Lebendig sind die gestellten Szenarien nicht.

Fazit
Es ist anzunehmen, dass der Film versucht Schlüsselszenen aus dem Roman zu greifen. Wie im Zeitraffer erzählt er seine Geschichte und vergisst dabei das, was zwischen den Zeilen steht. Also etwa Begründungen zu liefern oder die Verhältnisse der Menschen untereinander auszubauen. Seine Darsteller reden viel, spielen wenig und obwohl nur wenige Personen auftreten, erwachen sie nicht zum Leben.
Das Folgende bitte nicht falsch verstehen. "Der Trafikant" ist eine Fernsehproduktion und als solche schätze ich ihn ein und bewerte ihn. Die Kinoleinwand ist für diesen Film hoch gegriffen.
Filmkritik: Thomas Maiwald
Wertung: 50 %


Land: DeutschlandÖsterreich
Jahr: 2018
Laufzeit ca.: 113
Genre: SpielfilmRomantik
Verleih: Tobis
FSK-Freigabe ab: 12 Jahren

Kinostart: 01.11.2018
Heimkino: -

Regie: Nikolaus Leytner
Drehbuch: Klaus Richter • Nikolaus Leytner
Literaturvorlage: Robert Seethaler

Schauspieler: Simon Morzé (Franz Huchel) • Bruno Ganz (Prof. Sigmund Freud) • Johannes Krisch (Otto Trsnjek) • Emma Drogunova (Anezka) • Gerti Drassl (Frau Doktor) • Karoline Eichhorn (Anna Freud) • Michael Fitz (Roter Egon) • Regina Fritsch (Margarete Huchel) • Erni Mangold (Frau im Pelzmantel im Bahnhof) • Thomas Mraz (Conferencier) • Vicky Nikolaevskaja (Freundin) • Elfriede Irral (Martha Freud) • Rainer Wöss (Rosshuber) • Sabine Herget (Frau Rosshuber)

Produktion: Dieter Pochlatko • Jakob Pochlatko • Ralf Zimmermann
Szenenbild: Bertram Reiter
Kostümbild: Caterina Czepek
Maskenbild: Sam Dopona
Kamera: Hermann Dunzendorfer
Musik: Matthias Weber
Schnitt: Bettina Mazakarini


Bild: Tobis

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