Epsteins Nacht

Kinoplakat Epsteins Nacht

Das Problem mit der Vergangenheits-Bewältigung.

Das Dritte Reich und seine Folgen stehen kurz vor der endgültigen Auslöschung aus dem Gedächtnis der deutschen Nation. Möchte man jedenfalls meinen angesichts der zynischen Taktik, mit der ehemalige Opfer des Nazi-Regimes mit ihren lästigen Schadenersatzforderungen hingehalten werden. Irgendwann in den nächsten paar Jahren wird sich das Problem von selbst gelöst haben, wenn nämlich die Opfer allesamt zwei Meter unter der Erde liegen. Bis dahin gibt es noch genügend juristische Kniffe und Tricks, mit denen man das Ganze in die Länge ziehen kann. Das Nicht-Vergehen der Vergangenheit, wie unangenehm. Man würde sich schon drum herumdrücken, wenn man nur könnte. Aber noch holt es einen immer noch ein, ganz besonders die, die damals ein Leben verloren, auch wenn sie immer noch am Leben sind.

Jochen Epstein (Mario Adorf) wird nach 15 Jahren aus dem Gefängnis entlassen. Er saß wegen Mordes. Kaum in der alten Wohnung angekommen, steht eine Frau in der Tür, die Jochen erst nicht erkennt. Es ist Hannah Liebermann (Annie Girardot), die Jochen für tot gehalten hatte. Gemeinsam beschwören sie die Vergangenheit ein letztes Mal. 15 Jahre zuvor, es ist Weihnachten, meint Jochen im Pfarrer der katholischen Kirche in Berlin-Spandau seinen KZ-Peiniger, SS-Hauptsturmführer Giesser wieder zu erkennen. Völlig schockiert erzählt er seinen Freunden Adam und Karl Rose, die mit ihm im KZ waren, von seinem Verdacht. Karl (Otto Tausig) ist der Rationale, der versucht, das Ganze als sicherlichen Irrtum abzutun - es ist zu merken, dass ihm ein Irrtum allein seiner seelischen Ruhe wegen lieber wäre. Adam (anrührend: Bruno Ganz), den geistig Zurückgebliebenen, interessiert nur eine Frage: Weiß Giesser womöglich, wo seine Freundin Hannah abgeblieben ist? Schließlich hat er die beiden damals im Lager getrennt. Später am Abend ist Adam plötzlich verschwunden. Und er hat Karls Waffe dabei.

Ein Showdown in der katholischen Kirche kündigt sich an. Es wird ein langer sprachlicher Kampf zwischen vier alten Männern werden, an dessen Ende der Tod steht. Die große Stärke von Urs Eggers Film "Epsteins Nacht" ist, dass er kaum in der Vergangenheit spielt, und umso mehr in der Gegenwart der 90er Jahre. Er konzentriert sich auf das Hier und Jetzt derer, die der Hölle entkamen und nun schon 50 Jahre damit zurechtkommen müssen, überlebt zu haben, wo andere weniger Glück hatten. Es geht um Freundschaft, aber auch um den Verrat derselben. Manchmal sind Liebe und Verrat sogar ein und dasselbe oder das eine nicht ohne das andere zu haben und diese Erkenntnis ist wohl die bitterste.

Sichtlich schwer und bemüht wird der ansonsten bemerkenswerte Film, wenn die Vergangenheit zum Leben erweckt werden soll: Die braunstichigen Slow-Motion-Bilder einer unbeschwerten Kindheit, die ins Blaue eines kalten Traumes driftenden Szenen aus dem KZ, sie sind schwer zu ertragen, nicht, weil ihr Inhalt uns weh tut, sondern weil wir sie zu oft gesehen haben. Diese Szenen sind zu eigenen Metaphern geworden, deren Aussage wir nicht mehr hören, weil sie uns schon entgegen geschrien wird: Hier ist der Himmel respektive die Hölle auf Erden! Es sind die einzigen Szenen, in denen man sich als Zuschauer peinlich berührt fühlt. Wenn Mario Adorf alias Jochen Epstein seine beiden Freunde an den Hälsen packt und sich mit ihnen erinnert an die Qualen der Folterungen und die drei Männer wie aus einem Leib die Begebenheiten erzählen, die ihnen sicherlich noch jede Nacht den Schlaf rauben, dann zeigt sich im Heraufbeschwören der ungeheuerlichen Erinnerung die Unzulänglichkeit des Kinobildes, an der schon andere Filmemacher gescheitert sind: Hier sollte man den Zuschauer mit seiner Fantasie allein lassen.

Aber es will ja doch keiner mehr hören, oder? "Das Ganze ist doch schon so lange her, das haben wir doch schon tausendmal wieder gut gemacht!" sagen sich viele Deutsche. Denselben Satz hört man auch Günther Lamprecht alias Giesser sagen. Und: "Es ist doch egal, ob es hundert oder tausend Tote waren. Hauptsache, man bleibt anständig. Ich bin anständig geblieben!" Angesichts der Tatsache, diesen Satz als einen der deutschesten Sätze überhaupt identifizieren zu können, bleibt einem als Zuschauer fast ein bisschen die Spucke weg. Am Schluss aber werden Vergangenheit und Gegenwart versöhnt in einem pathetischen Bild. Epstein muss am Ende zugeben, nicht schlauer zu sein als vorher: "Irgendwas muss es geben, was diesem beschissenen Leben einen Sinn gibt. Ich weiß nicht was es ist, ich weiß nur, dass Adam es gesehen hat." Alles was schön ist, ist irgendwie auch Mathematik, so wie die Liebe: 1 + 1 = 2.
Filmkritik: Tina Manske
Wertung: 60 %

Die zweite Meinung

Jochen Epstein kann das Gefängnis nach fünfzehn Jahren verlassen. Plötzlich steht eine französisch-sprechende Frau hinter ihm in der leeren Wohnung und behauptet, er habe nach ihr suchen lassen. Die Frau ist Hannah Liebermann und Teil der Vergangenheit, die nun in Rückblenden erzählt wird. 15 Jahre zuvor gaben die Brüder Adam und Karl Rose ein Weihnachtsfest für die Mietergemeinschaft ihres Hauses. Weil Adam der Nachbarin Paula versprach ihre Tochter Katharina zur Kirche zu fahren, machten sich Jochen Epstein (Mario Adorf), Adam Rose (Bruno Ganz) und Katharina (Josephina Vilsmaier) auf den Weg. Das Mädchen überzeugte die zwei Juden Epstein und Rose mit in die Messe zu kommen, schließlich sang sie im Kinderchor. Als der Priester vor seine Gemeinde trat, konnte Epstein seinen Augen kaum trauen, Rose wirkte verstört und klammerte sich an seine Taschenlampe. In wilder Flucht verließen die Männer die Kirche. Zurück auf der Weihnachtsfeier entbrannte zwischen den Brüdern eine heftige Diskussion. Jochen war sich sicher in Priester Groll den ehemaligen Nazi Giesser wieder erkannt zu haben. Rose wehrte ab.

Am Morgen danach war er verschwunden und mit ihm Karls Pistole. Die Brüder machten sich auf die Suche. In der Kirche in Berlin Spandau fanden sie den Gesuchten und auch Priester Groll war bereits auf den Beinen. Zunächst gelang es Groll fast die drei Männer davon zu überzeugen, dass er zwar ebenfalls im KZ war, aber als politischer Gefangener. Karl wollte gerne daran glauben. Epstein war sich von Anfang an sicher, dass Groll in Wahrheit Giesser ist. Zwischen den vier Männern hatte ein gefährliches Katz- und Maus-Spiel begonnen. Sie sprachen über die schrecklichen Zeiten damals und wollten von der Gegenpartei wissen, weshalb und wie man überlebte? Grolls Geschichte klang plausibel, aber dann verriet er sich und ließ seine Tarnung fallen, schlüpfte wieder in die Rolle Giessers. Er begann abermals zu peinigen. In Seelenruhe fuhr er fort den Gottesdienst vorzubereiten. Doch zur Messe kam es nicht mehr.

Kritik

Der Film lebt von der Geschichte und durch die Schilderungen seiner Darsteller. Wenn Bruno Ganz als Adam Rose sich mit der Taschenlampe ins Gesicht leuchtet, weil er das Dämmerlicht der Kirche nicht erträgt oder eine Panikattacke bekommt, weil Katharina im Übermut das Licht ausschaltet, dann ist es lebensecht gespielt. Ein liebenswerter Träumer und ein hochbegabter Mensch zugleich. Mario Adorf überzeugt als gebrochener Schrotthändler Jochen Epstein, der sein Leben lang den Mann, den er heimlich liebte, zu schützen versuchte. Otto Tausig als Karl Rose verkörpert die Farblosigkeit und Angepasstheit derartig gekonnt, dass man ihn fast übersehen könnte. Einer dieser Menschen die nie besonders auffallen, sondern immer in der sicheren Mitte mitschwimmen und sogar in Extremsituationen aufgrund ihres Mittelmaßes überleben. Günther Lamprecht brilliert in einer Doppelrolle. Erst ganz der treu sorgende Geistliche um dann messerscharf zum sadistischen Nazi umzuschwenken. In die Enge getrieben erwachen in der Figur wieder alle Instinkte und Mechanismen, die ihn zum Schrecken des KZ machten.

Grausame Geschichten werden erzählt, die besonders quälend wirken, weil sie hauptsächlich andeuten und das wahre Grauen im Kopf des Zuschauers abläuft. Der vielleicht erschreckendste Moment an dem Psycho-Duell ist Giessers reines Gewissen. Er ist sich keiner Schuld bewusst, er habe auf Befehlt gehandelt, das Ganze sei Vergangenheit und schließlich habe er seine Verbrechen durch seine Arbeit als Priester schon mehr als tausendmal wieder gut gemacht.

Das Thema Judenverfolgung ist kein einfaches Thema. Jens Urban (Drehbuch) und Urs Egger (Regie) ist es gelungen einen vielschichtigen Film zu inszenieren. Es gibt kein Schwarzweiß-Denken: hier die bösen Nazis, dort die unschuldigen Juden. Die verschiedenen Schicksale sind miteinander verzahnt. Ein feines Geflecht aus Unterdrückern, Unterdrückten und denen die kooperierten. Ein gewaltiger Film. Grausam und packend zugleich. Ein Film der Fragen aufwirft und zum Nachdenken zwingt.
Filmkritik: Thomas Maiwald
Wertung: 70 %


Land: DeutschlandÖsterreichSchweiz
Jahr: 2001
Laufzeit ca.: 85
Genre: DramaLGBT
Verleih: Constantin Film
FSK-Freigabe ab: 12 Jahren

Kinostart: 02.11.2002
Heimkino: 27.05.2003

Regie: Urs Egger
Drehbuch: Jens Urban

Schauspieler: Mario Adorf (Jochen Epstein) • Bruno Ganz (Adam Rose) • Otto Tausig (Karl Rose) • Günter Lamprecht (Groll/Giesser) • Annie Girardot (Hannah) • Nina Hoss (Paula) • Martin Schwab (Q.) • Elyas M'Barek (Jochen Epstein - 19 Jahre) • Gregg Chillin (Jochen Epstein - 10 Jahre) • Tino Mewes (Adam Rose - 16 Jahre) • Fabian Oscar Wien (Karl Rose - 19 Jahre) • Anna Brüggemann (Hannah Liebermann - 16 Jahre) • Petra Hinze (Nachbarin) • Thomas Huber (Immobilienmakler) • Franziska Matthus • Josephina Vilsmaier (Katharina)

Produktion: Andreas Bareiß
Szenenbild: Peter Manhardt
Kostümbild: Birgit Hutter
Maskenbild: Gerlinde Kunz
Kamera: Lukas Strebel
Musik: Christoph Gracian Schubert
Schnitt: Hans Funck


Bild: Constantin Film

2 customer reviews

befriedigend
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gut
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vorgeschlagen

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