Eisenstein in Guanajuato

Kinoplakat Eisenstein in Guanajuato

Ein überzeichnetes erotisches Werk, in dem der russische Filmemacher Sergei Michailowitsch Eisenstein bei seinen Dreharbeiten in Mexiko weniger dem Zauber des Landes als vielmehr dem seines Dolmetschers verfällt. In Kunstsprech: Ein illustrer Reigen im Spannungsfeld zwischen Diesseits und Jenseits, abgemischt mit provokanter Erotik. Für den Zuschauer ergibt es die Fragestellung: Kunst oder Käse?

Peter Greenaway liefert mit seinem Film weniger ein Alterswerk ab als vielmehr eine Altersfantasie. Hinter der scheinbaren Verneigung von dem russischen Filmemacher Sergei Eisenstein steckt ein Drama. Die historische Person und ihr Vorhaben in Mexiko einen Film zu drehen geraten zur Nebensache. Im Vordergrund steht die Liebesgeschichte zwischen Eisenstein und seinem Führer Palomino Cañedo (Luis Alberti).

Das ist nicht das einzig Ungewöhnliche, denn die Handlung ist als Spektakel aufgezogen. Eisenstein ist darin kein ernster Filmemacher, sondern ein kindlicher Clown. Er redet unablässig und ist nie so ganz bei der Sache, weil seine Gedanken ihn stets mitreißen. Die homoerotischen Fantasien begleiten ihn schon länger - und bislang zögert er sie auszuleben. Erst das verhaltene und dennoch unübersehbare Werben seines einheimischen Assistenten gibt ihm den Mut dem eigenen Verlangen nachzugeben.
Auch wenn der Zuschauer von den Dreharbeiten so gut wie nichts mitbekommt, sind am Ende Kilometer an Filmmaterial belichtet. Fertigstellen wird Eisenstein seinen Film nicht. Doch das ist nicht Gegenstand der Handlung.

Kritik

Eine Zusammenfassung der Handlung zu geben ist mir unmöglich, denn eine Handlung im klassischen Sinn fehlt. Auch aus den ermüdenden Dialogen kann ich beim besten Willen nichts heraushören, das ich in eigenen Worten wiedergeben kann.

Dramaturgisch wie technisch bringt "Eisenstein in Guanajuato" einen Pomp auf die Leinwand. Einen Bilderrausch, ein Schwelgen, ein Hetzen voller Aufgedrehtheit. Nicht nur die Darsteller machen darin verbale Luftsprünge, sondern auch die Kamera läuft zu Hochtouren auf. Mitunter vollführt sie Karussellfahrten und fährt minutenlang im Kreis; sodass ich den Blick auf den unteren Rand der Leinwand richten muss. Nicht ganz so anstrengend und dennoch ebenfalls überstrapaziert sind die Splitscreens. In einer Dreiteilung zeigt Greenaway in der Mitte das aktuelle Geschehen, rechts und links eingerahmt von Schwarz-Weiß-Bildern. Es ist Kunst, die sich selbst gefällt. Es ist nicht so, dass die Stilmittel geschmacklos sind - es ist einfach zu viel des Guten. Eine der gefälligen Ideen ist die Idee, dass der Fußboden von Eisensteins Hotelzimmer aus Glas besteht, das von unten beleuchtet wird, beziehungsweise der Zuschauer die Handlung durch den Fußboden von unten betrachtet.

Auch die Kontraste gefallen. So bilden der weiße, feiste Eisenstein und der dunkelhäutige, grazile Cañedo einen interessanten Kontrast; im bekleideten wie im nackten Zustand. Die viele männliche Nacktheit wird nicht jedem Zuschauer gefallen, denn der Film findet großen Gefallen an den primären Geschlechtsteilen seiner Darsteller. Wenn Luis Alberti seine Hosen fallen lässt, dann schaut aus der Unterhose bereits der Penis heraus. Die offene Darstellung eines Koitus zwischen zwei Männern kann auch im Programmkino für Stirnrunzeln sorgen. Aufgrund der Überstilisierung, also dem unablässigen Reden der Männer, entfaltet die Szene wenig Erotik. Lachen muss ich über ihren Abschluss, den der eigenwillige Einsatz einer roten Fahne bildet.

Schlussendlich blüht den Zwei Sehnsüchtigen ein trauriges Ende. Damit erhebt Greenaway die Sehnsucht zum Drama. Und es macht den Eindruck, als trauere der Filmemacher vergangenen Zeiten nach. So heißt es sinngemäß, dass 33 ein schönes Alter ist, weil ein Mann dann körperlich noch so in Form ist, dass er selbst mit seiner Hässlichkeit kokettieren kann. Und wahrlich ist Elmer Bäck in seiner Darstellung des Eisensteins keine Schönheit. Interessanter ist jedoch der Brückenschlag zu Greenaway. Wenn man ihm das Zitat in den Mund legt, könnte es die Motivation sein, den Film zu drehen.

Fazit
"Eisenstein in Guanajuato" ist ein überdrehter Rausch, der eine Zeit lang gefällt. Doch auf Dauer wird nicht nur die Geduld der Filmfiguren, sondern auch die meine geprüft. Dann gerät die Kunst zum Selbstzweck und die Handlung kippt von Kunst zu Käse.
Filmkritik: Thomas Maiwald
Wertung: 40 %


Land: BelgienFinnlandFrankreichMexikoNiederlande
Jahr: 2015
Laufzeit ca.: 105
Genre: BiografieDramaLGBTRomantik
Stichwort: gay
Verleih: Salzgeber
FSK-Freigabe ab: 16 Jahren

Kinostart: 12.11.2015
Heimkino: 22.01.2016

Regie: Peter Greenaway
Drehbuch: Peter Greenaway

Schauspieler: Elmer Bäck (Sergei Eisenstein) • Luis Alberti (Palomino Cañedo) • José Montini (Diego Rivera) • Cristina Velasco Lozano (Frida Kahlo) • Rasmus Slätis (Grisha Alexandrov) • Jakob Öhrman (Eduard Tisse) • Sara Juárez (Mercedes) • Alaín Vargas (Gideon) • Maya Zapata (Concepción Cañedo) • Gustavo Galván (Rolando) • Emiliano Morales (Pascal) • Anna Knaifel (Pera) • Alenka Rios (Alba) • Lisa Owen (Mary Craig Sinclair) • Stelio Savante (Hunter S. Kimbrough)

Produktion: Bruno Felix • San Fu Maltha • Cristina Velasco • Femke Wolting
Szenenbild: Ana Solares
Kostümbild: Brenda Gomez
Maskenbild: Elena López Carreón
Kamera: Reinier van Brummelen
Musik: Prokofjew, Ponce, Cuco Sánchez
Schnitt: Elmer Leupen


Bilder: Salzgeber

1 customer review

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12.11.15
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