She Said

Kinoplakat She Said

Hollywood berichtet über Hollywood, nutzt die Chance und verfilmt einen aufgedeckten Skandal: Die Affäre Harvey Weinstein. Das Sachbuch, das als Vorlage diente, stammt von zwei Frauen. Ebenso das Drehbuch zum Drama. Regie führte eine Frau und im Mittelpunkt der Handlung stehen Frauen. Somit ist ein Schwerpunkt-Film entstanden – den auch Männer anschauen sollten.

Zwei Journalistinnen der "New York Times" recherchieren zu einem Artikel, der von sexueller Belästigung in Hollywood handeln soll. Schnell fällt der Name Harvey Weinstein. Der wird zum Synonym eines Systems. Eines, in dem Männer Frauen belästigen oder vergewaltigen und sie anschließend zum Schweigen bringen. Dazu gibt es unterschiedliche Wege: Karrieren enden oder Frauen werden mit Geld abgefunden und müssen dafür Schweigeverträge unterzeichnen, von denen sie keine Kopie bekommen. Daran beteiligt sind viele direkt wie etwa Anwälte und Buchhalter. Indirekt sind viele einbezogen, die durch ihr Schweigen ein Weiterbestehen des Systems ermöglichen, darunter auch Frauen. Die meisten haben Angst über die Erlebnisse zu sprechen, manchen verbietet es die Verschwiegenheitsklausel.
Das Drama zeigt den beschwerlichen Weg der zwei Journalistinnen, die unter Stress geraten und trotzdem am Thema bleiben. Ein anberaumter Artikel einer anderen Zeitung wird abgesagt. Und auch der "New York Times" drohen der Produzent und dessen Anwälte. Allen Strapazen und Widerständen zum Trotz erscheint der Artikel im Jahr 2017 und löst eine Welle aus. Im Abspann des Films wird von weitreichenden Konsequenzen gesprochen, die wohl etwas blumig erscheinen.

Kritik

Der Film ist ein handwerklich solides Drama. Im Mittelpunkt stehen zwei Journalistinnen, die Carey Mulligan und Zoe Kazan unaufgeregt spielen. Im angerissenen Privatleben sind beide Frauen Mütter und leben mit Bilderbuch-Ehemännern zusammen. Auf diese Weise vermittelt der Film subtil, unter welchen Belastungen die Frauen stehen und dass nicht alle Männer gleich sind. Die Dramaturgie arbeitet gleichförmig dem Höhepunkt entgegen, setzt nur wenige Duftmarken. Die Gespräche mit Frauen bekommen viel Raum. Drehbuch und Regie zeigen dabei viel Mitgefühl für Frauen. In manchen Szenen verwundert es, wenn etwa in New York City fast nur Frauen auf den Straßen unterwegs sind. Auch in anderen Szenen scheinen mehr Frauen als Männer auf der Welt zu leben. Bitte nicht falsch verstehen: Das soll weder ein Vorwurf noch ein Kritikpunkt sein. Es ist ein Film von Frauen über ein Frauenthema. Der trotzdem auch Männer ansprechen soll und anspricht.
Bedauerlich an der Dramaturgie ist der Fokus. Der liegt klar auf den Recherchen und den seelischen Nöten der drangsalierten Frauen. Das Drehbuch räumt den Darstellungen viel Raum ein. Wobei nicht jede Szene so lang ausfallen müsste. Was fehlt ist eine Ausweitung des Themas und der Tragweite. Beispielsweise ein Blick ins System: Wer macht mit? Wer deckt wen? Weinstein war kein Einzeltäter und es wurden auch nicht nur Frauen sexuell belästigt.

Es wäre leicht gewesen, die Journalistinnen zu Heldinnen zu stilisieren. Der Film handelt gegenteilig, teils übertreibt er dabei. Die Frauen sind übermäßig unsicher oder nervös. Insgesamt spielen sie so zurückgenommen, dass es etwas unglaubwürdig erscheint, dass die Frauen als Investigativ-Journalistinnen arbeiten. In einigen Szenen kommt der Begriff "Mauerblümchen" ins Gedächtnis. Die Darstellerinnen und Darsteller treten allesamt unaufgeregt auf. Vielleicht zu zurückhaltend? Zoe Kazan macht in den Szenen, in denen sie seltsam lacht, einen unsicheren Eindruck. Bisweilen eigenartig wirken die Szenen in den Räumen der Redaktion, mit einer nahezu mütterlichen Patricia Clarkson an der Spitze. Auch optisch übertreibt es der Film mit der Untertreibung. So gibt es Szenen in der Kantine, in denen die Protagonistinnen nicht in der Bildmitte, sondern am Rand der Szene sitzen. Einmal musste der Kritiker die Frauen, deren Stimmen zu hören waren, im Bild suchen, weil sie so unauffällig platziert waren.
Von den im Film genannten Prominenten ist dem Kritiker nur Ashley Judd aufgefallen. Judd bezieht Stellung. Weinstein selbst ist nicht zu sehen, wird von einem großen dicken Mann gedoubelt, der nur von hinten zu sehen ist.

Fazit
"She Said" behandelt ein brisantes Thema. Der Umsetzung ist anzumerken, dass eine Schauspielerin Regie geführt hat, denn die Szenen sind aus der Sicht einer Schauspielerin inszeniert, geben den Schauspielerinnen viel Raum. Dem Gesamteindruck hätte eine breitere Betrachtung des Themas gutgetan. Trotzdem: Auch Männer sollten ins Kino gehen.
Filmkritik: Thomas Maiwald
Wertung: 70 %


Land: USA
Jahr: 2022
Laufzeit ca.: 129
Genre: Drama
Verleih: Universal Pictures International
FSK-Freigabe ab: 12 Jahren

Kinostart: 08.12.2022
Heimkino: 23.02.2023

Regie: Maria Schrader
Drehbuch: Rebecca Lenkiewicz
Literaturvorlage: Rebecca Lenkiewicz • Jodi Kantor • Megan Twohey • Rebecca Corbett

Schauspieler: Carey Mulligan (Megan Twohey) • Zoe Kazan (Jodi Kantor) • Patricia Clarkson (Rebecca Corbett) • Andre Braugher (Dean Baquet) • Jennifer Ehle (Laura Madden) • Angela Yeoh (Rowena Chiu) • Maren Heary (Nell) • Sean Cullen (Lance Maerov) • Anastasia Barzee (Lisa Bloom) • Keilly McQuail (Rose McGowan (Stimme)) • Hilary Greer (Mrs. Schmidt) • Tina WongLu (Kassiererin)

Produktion: Lexi Barta • Dede Gardner • Jeremy Kleiner
Szenenbild: Meredith Lippincott
Kostümbild: Brittany Loar
Maskenbild: Carla Antonino • Christine Fennell • Danielle Minnella • Jill Oshry • Michele Paris • Jackie Risotto • Jonathan Sharpless
Kamera: Natasha Braier
Musik: Nicholas Britell
Schnitt: Hansjörg Weißbrich


Bild: Universal Pictures International

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