Skyfall

Kinoplakat Skyfall

James Bond ist zurück auf der großen Leinwand. Älter, gezeichneter, psychologischer und näher dran. Doch nicht nur in dieser Hinsicht ist Bond nicht mehr Bond, denn wie bereits in den anderen Filmen mit Daniel Craig werden alte Zöpfe abgeschnitten und das Geschehen wird modernisiert.

Zunächst ist alles wie gehabt. Eine wilde Verfolgungsjagd durch Istanbul eröffnet den Film. Bei der wird Bond zum Bauernopfer und verschwindet. Tot. Ende. Aus? Das glaubt natürlich kein Cineast - und siehe da, Bond kehrt zurück. Aber er ist nicht mehr der Alte. Dass M ihn für die Sache opferte, hat ihn tief getroffen. Dementsprechend ist das Verhältnis zwischen den Zweien angespannt. Doch nicht nur der Haussegen hängt schief. Ein Unbekannter dringt in das Computernetzwerk des MI6 ein und bedroht M. Scheinbar hat der Angreifer noch eine Rechnung offen. Und dann sind da noch die Anderen, die die Chance ergreifen, mal ein wenig an Ms Stuhl zu sägen und die Frage aufzuwerfen, ob Agenten in Zeiten, in denen Kriege am Computer ausgetragen werden, überhaupt noch eine Daseinsberechtigung haben?

Kritik

Skyfall wirft Fragestellungen auf und präsentiert Lösungen. So wird an der Daseinsberechtigung des Agenten und der dahinterstehenden Maschinerie kurz gerüttelt - jedoch nicht wirklich gezweifelt. Vielmehr ist es Teil des Versuchs, der Handlung eine psychologische Komponente zu geben. Das Ergebnis schmeckt wahrscheinlich nicht jedem. Ja, Bond ist psychologischer und eifert damit offensichtlich den Batman-Filmen von Christopher Nolan nach. Nun, gelungen ist die Umsetzung nur bedingt, denn es fehlen Mut und Konsequenz. So bleiben die Problemstellungen auf halbherzigem Niveau. Die Motivation des Superschurken etwa besteht darin, dass er von seiner Vorgesetzten nicht genug Anerkennung und Liebe bekam. Wäre denkbar. Wird jedoch nur angekratzt und ist als Triebfeder zu schwach ausgebaut. Weiterhin dient die Psychokomponente dazu, die Handlung auf eine persönliche Ebene zu heben. M bleibt ihrer Rolle als Unnahbare treu. In der Konsequenz darf der Böse zum Verbrecher werden und Bond sich versichern, dass ihn M trotz Gefühlskälte lieb hat. Das klingt weniger nach Action und Agentenfilm als vielmehr nach einem Familiendrama. Und das ist nicht ganz falsch. Sobald der Film, im übertragenen Sinn, die Familien-Struktur der Mutter mit den zwei Ziehsöhnen thematisiert, pausiert die Action und erfolgt nur noch stoßweise. Dann allerdings mit realistischem Anspruch und unter Einbeziehung der Neuen Medien.

Wobei der Realismus in Skyfall seine Tücken hat. Da berechnet das Superhirn nicht nur im Vorhinein, dass es gefangen genommen wird, sondern auch einen späteren Fluchtweg metergenau. Anders ist die Idee mit der punktgenau entgleisten U-Bahn nicht zu erklären. Dieses Niveau von Psychologie und Realismus passen zu einer Comicverfilmung ... doch nur schwer zu einem Film, der auf Realismus setzt.

Ebenfalls nur bedingt kompatibel finde ich den psychologisch realistischen Anspruch und die Dialoge, die in Form von schlagkräftigen Onlinern daherkommen. Da reden Bond und Sévérine über den Superschurken.
Er: Bekommt er immer alles, was er will?
Sie: Alles. Und noch mehr.
Verstehe ich nicht, denn wenn ich alles bekomme, dann bekomme ich alles. Oder ist in alles nicht mehr das Ganze eingeschlossen?

Dass ihre miese Kindheit nur angedeutet wird und die Chance der Thematisierung damit verschenkt ist, passt insofern ins Drehbuch, dass es bei Oberflächlichkeit bleibt. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Auch ich erwarte bei James Bond keinen Autorenfilm. Und es ist eine Frage der Erwartungshaltung, ob ein Zuschauer den Agenten lieber als stets überlegenen, weltgewandten, bornierten Eroberer sehen möchte oder als Mann von nebenan mit Allerweltsproblemen wie, dass das Alter und Alkohol ihm zu schaffen machen.

Von diesen Punkten abgesehen, bedarf es Schauspielern, die in der Lage sind, die inneren Konflikte überzeugend nach außen zu tragen. Was zwei von drei können - ohne es zeigen (zu dürfen). Javier Bardems Vorstellung als Silva erinnert mich an eine misslungene Kopie des Jokers von Heath Ledger. Judi Dench wirkt als M müde und bei Daniel Craig weiß ich zu oft nicht, was er ausdrücken will. Ausgenommen die Szene als Baggerfahrer - darin macht er eine gute Figur.

Außerdem vermisse ich im Film den Humor. Den einen oder anderen Lacher bringt Skyfall - nur in der Summe verläuft er mir zu trocken. Und das, obwohl einige Anspielungen wirklich gelungen sind. So halten Q und Bond ausgerechnet im Museum eine konspirative Sitzung ab. Was böse gedeutet heißen könnte: Ist Bond museumsreif? Des Weiteren präsentiert der Film Gags, die tiefer stapeln als deutscher Fernsehhumor. Da springt Bond auf einen fahrenden U-Bahn-Zug auf und ein Mann sagt: Ich wette, der hat keinen Fahrschein.

Ärgerlich ist der Umstand, dass Erklärungen fehlen. Wie überlebt James Bond den Sturz von der Eisenbahnbrücke und den anschließenden Rutsch durch den Wasserfall? Warum ist der Verbleib der geheimen Daten irgendwann nebensächlich? Außer Konkurrenz missfallen mir die eigenartigen Umstände. Naomie Harris als Eve Moneypenny darf beweisen, dass Frauen eben doch nicht Auto fahren können. Und sie ist im Außeneinsatz immer darauf angewiesen, dass M ihr sagt, was sie tun muss. Während Bond zwar ebenfalls einen Knopf im Ohr hat - aber selbstständig handelt. Das ist wohl der Unterschied zwischen Männern und Frauen?

Fazit
Was Skyfall gelingt, ist die Wiedereinführung von Tugenden, die die vorherigen Filme mit Daniel Craig aussparten. Zudem löst er die Neubesetzung von Rollen gut. Weiterhin kann die Reihe nun entweder im Geist der alten Bond-Filme erfolgen oder genauso gut modernisiert. Nicht gelungen finde ich den Versuch Gotham City nach London zu verlegen. James Bond im übertragenen Sinne auf der Couch eines Psychiaters zu sehen trifft meinen Geschmack nicht. Außerdem fehlt es mir an Spannung. Im Ergebnis ist mir Skyfall als Bond-Film zu untypisch.
Filmkritik: Thomas Maiwald
Wertung: 70 %


Land: GroßbritannienUSA
Jahr: 2012
Laufzeit ca.: 143
Genre: AbenteuerActionKrimiThriller
Verleih: Sony Pictures
FSK-Freigabe ab: 12 Jahren

Kinostart: 01.11.2012
Heimkino: 27.02.2013

Regie: Sam Mendes
Drehbuch: Neal Purvis • Robert Wade • John Logan

Schauspieler: Daniel Craig (James Bond) • Judi Dench (M) • Javier Bardem (Silva) • Ralph Fiennes (Gareth Mallory) • Naomie Harris (Eve) • Bérénice Marlohe (Severine) • Albert Finney (Kincade) • Ben Whishaw (Q) • Rory Kinnear (Tanner) • Ola Rapace (Patrice) • Helen McCrory (Clair Dowar MP) • Nicholas Woodeson (Doctor Hall)

Produktion: Barbara Broccoli • Michael G. Wilson
Szenenbild: Dennis Gassner
Kostümbild: Jany Temime
Kamera: Roger Deakins
Musik: Thomas Newman
Schnitt: Stuart Baird


Bilder: Sony Pictures

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