Cruella

Kinoplakat Cruella

Disney bringt den vierten Teil der Dalmatiner-Filme-Reihe ins Kino, der erklärt, warum aus Estella Cruella wurde. Die Vorgeschichte zu den bereits drei bestehenden Filmen beginnt kurz nach der Geburt, streift die Grundschulzeit und zeigt auf, warum Estella Schuldgefühle hat, die später in den Wunsch nach Rache umschlagen.

Bereits als Kind in der Grundschule anders auszusehen als die meisten Kinder ist ein bitterer Schicksalsschlag. Das Mädchen Estella mit den schwarzen und weißen Haaren zieht daraus eine Lehre: setz dich durch! Diese Haltung wird Estella ein Leben lang begleiten, auch nach der Verwandlung in Cruella.

Nach dem Abstecken der Rahmenbedingungen ist Estella ein begabtes, aber ebenso verkanntes Genie, aus dem nach dem Tod der Mutter, an dem sich Estella die Schuld gibt, ein seelisch verletztes Waisenkind wird, das mit zwei Jungs Freundschaft schließt. Die sind gerissene Diebe und bleiben Estella bis ins Erwachsenenalter verbunden.

Nach einem Zeitsprung arbeiten die jetzt jungen Erwachsenen als Trickdiebe zusammen. Eines Tages verhelfen die Freunde Estella zu einer Stelle im angesagtesten Mode-Kaufhaus Londons und dort trifft Estella The Baroness. Die ist DIE Modeschöpferin schlechthin und Estella ist das Genie, das endlich eine Chance will. Zudem gibt es eine Verbindung zwischen den Frauen und Estella schwört, The Baroness zu vernichten, ihr alles zu nehmen, was sie hat. Weiterhin spielt ein Rätsel eine Rolle, auf dessen Lösung ich (ohne angeben zu wollen) von Anfang an getippt habe.

Kritik

1961 brachte Disney den Zeichentrickfilm "101 Dalmatiner" in die Kinos. Es folgten 1996 eine Neuverfilmung als Realfilm und im Jahr 2000 der Film "102 Dalmatiner" ebenfalls als Realfilm. 2021 kommt ein weiterer Film der Reihe ins Kino, der die Vorgeschichte der bösen Heldin Cruella erzählt, inklusive einiger Erklärungen wie der Abneigung gegenüber Dalmatinern und der Namensfindung. Die Frage, ob diese Vorgeschichte vonnöten war, steht zwangsläufig im Raum und kann wie immer nicht pauschal beantwortet werden. Auffällig ist die Doppelstrategie des Verleihs, der den Film parallel in Kinos und im hauseigenen Streaming zeigt. Vielleicht auch ein Ausloten von Möglichkeiten und in Zukunft öfter zu sehen?

Unglücklich ist, dass Disney den Film als Familien-Unterhaltung unter dem Label Disney in die Kinos bringt. Eine schwarzhumorige Fassung wäre unter dem Label "20th Century Fox", das seit 2019 zum Großteil zu Disney gehört, denkbar. Als familientaugliche Variante ist der Film leider insgesamt zu zahm. Und etwas wie seelische Verletzung familientauglich aufzubereiten, endet in einem Spagat.
Der Auftakt, der mehr als eine halbe Stunde dauert, lahmt. Schon dabei fällt auf, dass die Ausarbeitung fehlt. Die Freundschaft des Trios bleibt ohne Erklärung und ohne Unterbau. Man ist sich gegenseitig ein Familienersatz. Schade, dass auch die Figuren wenig ausgefeilt sind. Es treten Klischees und Witzfiguren anstelle von Menschen auf, die vielleicht für Kinder lustig sind. Weil es um Mode geht, kommen mehrere männliche Homosexuelle vor und um politisch korrekt zu sein, ist Estellas Kinderfreundin schwarz. Das Verhalten von The Baroness erinnert mich an "Der Teufel trägt Prada". Was vielleicht darin begründet liegt, dass eine der Drehbuchautorinnen an beiden Filmen mitgeschrieben hat.
Cruella ergeht es nicht viel besser. Die Erklärung für ihre böse Seite fällt mager aus. Und die Brüche der Figur sind auffällig: als Estella mag sie Hunde. Auch zu den Dalmatinern ist sie nicht böse, wenngleich sie dazu einen triftigen Grund hat. Die Wendung von Estella zu Cruella finde ich trotz Erklärungen nicht plausibel. Nicht die einzige Unsauberkeit im Film. Beispielsweise verfügt die Baroness über Wissen, das ihr vielleicht ein Privat-Detektiv verschaffen könnte. Aber hat sie einen? Ihr Anwalt verweigert die Arbeit als Schnüffler und wird aus einer Laune gefeuert. Verträge scheint es in der Welt von Cruella nicht zu geben. In anderen Momenten werden Freundschaften grundlos geschossen oder gebrochen. Die Logik (auch für Entscheidungen) tritt hinter der Komik respektive dem Effekt zurück. Ähnliches betrifft die Musik, die auffällig häufig einsetzt und nicht immer glücklich gewählt ist. Hauptsache es klingt gut. Alles in allem reiht der Film hübsche und leider zu oft leere Bilder aneinander. Emma Stone und Emma Thompson holen das Machbare aus ihren schlecht angelegten Rollen heraus.

Fazit
Die Handlung bietet Erklärungen für Fragen, die sich vielleicht niemand gestellt hat. Die bereits existierenden Filme brauchen "Cruella" nicht, während "Cruella" nur als Vorgeplänkel bestehen kann. Vieles an der Krimi-Komödie ist schade, wie etwa der fehlende Mut zu echtem Biss. Bedauerlich ist der Zustand des Drehbuchs, dem der letzte Schliff fehlt und dass das Potenzial seiner Hauptdarstellerinnen nicht ausschöpft. Alles in allem enttäuschend, denn losgelöst aus der Film-Reihe hätte aus dem Zicken-Terror eine schwarzhumorige Komödie werden können.
Filmkritik: Thomas Maiwald
Wertung: 50 %


Land: USA
Jahr: 2020
Laufzeit ca.: 134
Genre: KomödieKrimi
Verleih: Walt Disney
FSK-Freigabe ab: 6 Jahren

Kinostart: 27.05.2021
Heimkino: 19.08.2021

Regie: Craig Gillespie
Drehbuch: Aline Brosh McKenna • Jez Butterworth • Dana Fox • Kelly Marcel • Tony McNamara • Steve Zissis

Schauspieler: Emma Stone (Estella / Cruella) • Emma Thompson (Baroness) • Joel Fry (Jasper) • Paul Walter Hauser (Horace) • John McCrea (Artie) • Emily Beecham (Catherine) • Mark Strong (John the Valet) • Kayvan Novak (Roger) • Kirby Howell-Baptiste (Anita Darling) • Jamie Demetriou (Gerald) • Niamh Lynch (Liberty Shop Girl) • Andrew Leung (Jeffrey)

Produktion: Kristin Burr • Andrew Gunn • Marc Platt
Szenenbild: Fiona Crombie
Kostümbild: Jenny Beavan
Maskenbild: Nadia Stacey
Kamera: Nicolas Karakatsanis
Musik: Nicholas Britell
Schnitt: Tatiana S. Riegel


Bild: Walt Disney

1 customer review

befriedigend
03.06.21
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