Der menschliche Makel

Kinoplakat menschliche Makel

Eine ambitionierte Verfilmung des Romans von Phillip Roth, die eindringlich vor Augen führt: die Komplexität der Vorlage lässt sich filmisch schwer umsetzen.

Zum einen liegt es an der zugrundeliegenden Idee, die der Autor in etwa so beschreibt: "Dass jeder Mensch trotz gegenteiliger Bemühungen eine persönliche Spur zurücklässt, wie einen Fleck auf der Weste des Weltgewissens ob bewusst oder durch Zufall, und dass diese Hinterlassenschaft so wenig ausgelöscht werden kann wie eine Narbe." Zum anderen liegt es daran, dass der Film versucht möglichst vielen Feinheiten des Buches gerecht zu werden und sich verheddert. Trotzdem ist "Der menschliche Makel" ein sehenswerter Film geworden, denn die guten Darsteller machen ihn sehenswert.

Coleman Silk (Anthony Hopkins) ist angesehener Dekan am Athena College in Massachusetts. Weil einige seiner Studenten noch nie zur Vorlesung erschienen, fragt er scherzhaft, ob sie "Spooks" seien? Das meint Gespenster aber im abfälligen Tonfall auch Schwarze. Obwohl Silk seine Studenten nie sah und folglich nicht weiß, dass es sich tatsächlich um Farbige handelt, wird ihm aus der ungeschickten Bemerkung ein Strick gedreht und er wird achtkantig rausgeschmissen. Besonders brisant daran ist das herrschende gesellschaftliche Klima, das von jedem übermäßige politische Korrektheit erwartet. (Präsident Clinton schlittert gerade durch die Lewinski-Affäre.) Als Colemans Frau wegen des Skandals einen Herzinfarkt erleidet und stirbt, erfüllt es für ihn den Tatbestand des indirekten Mordes. Es ist an der Zeit Farbe zu bekennen, denn Coleman ist selbst ein Farbiger - wenn auch mit sehr heller Hautfarbe. Um in den USA eine Chance zu haben, verleugnete er bereits als junger Mann seine Herkunft und gab sich als Weißer aus. Er brach sogar mit seiner Familie. Bis ins hohe Alter hat niemand das Geheimnis erfahren. Erst mit dem Diktat seiner Memoiren kommt dieses Geheimnis ans Tageslicht.
Mit Ghostwriter Nathan Zuckerman (Gary Sinise) entspinnt sich eine letzte Freundschaft. Eine Gemeinsamkeit der Männer liegt in ihrer Flucht vor dem Leben begründet. In einer eigenwillig schönen Szene tanzen die zwei angetrunkenen Männer über die Veranda von Zuckermans Haus. Das hat nichts homoerotisches, sondern zeigt zwei heterosexuelle Männer, bei denen das Eis bricht.

Colemans Vergangenheit wird nun in Rückblenden von Zuckerman erzählt. Daneben spielt die Gegenwart eine Rolle. Aktuell sorgt die Liebe zu Faunia (Nicole Kidman) für Aufsehen. Es ist laut Aussage von Coleman "weder seine erste noch seine größte Liebe, doch mit Sicherheit ist sie die letzte Liebe seines Lebens". Faunia, die sich als Melkerin und Putzfrau durchschlägt, lebt in einer armseligen Wohnung im Dachgeschoss einer Farm. Die Liebe zwischen den beiden vom Leben gezeichneten Liebenden ist nicht übermäßig heißblütig doch intensiv. Faunia fällt es schwer sich für Coleman zu öffnen. Sie wurde als Kind sexuell missbraucht und bei einem Wohnungsbrand kamen ihre Kinder ums Leben. An ihr lässt sich gut die Überfrachtung aufzeigen. Zum Missbrauch sowie den verlorenen Kindern gesellt sich noch ein Ex-Mann, der seit Vietnam geistig nicht mehr voll zurechnungsfähig ist und sie verfolgt. Zudem arbeitet sie bei lesbischen Farmerinnen. (Ist Homosexualität ein Makel?)
Die Liebe zwischen Faunia und Coleman nimmt ein tragisches Ende, denn der durchgeknallte Ex-Mann verfolgt die zwei und sorgt (wahrscheinlich) für einen tödlichen Unfall. Fakt ist, die zwei sind tot, aber man weiß als Zuschauer nicht hundertprozentig, wer den Unfall verschuldet. Der Film spielt gerne mit diffusen Darstellungen, die wahrscheinlich sind, aber man kann sich nicht sicher sein. Das ist nicht der einzige Kunstgriff, an dem der Film krankt. Zu viele Themen sind nur angerissen. Anthony Hopkins als weißen Afroamerikaner zu besetzen ist eine eigenwillige Idee. Sieht man ihn spielen, gerät der Widerspruch zur Nebensache.
Filmkritik: Thomas Maiwald
Wertung: 80 %


Original Filmtitel: The Human Stain
Land: USA
Jahr: 2002
Laufzeit ca.: 108
Genre: DramaRomantik
Verleih: Concorde Filmverleih
FSK-Freigabe ab: 12 Jahren

Kinostart: 18.12.2003
Heimkino: 01.09.2004

Regie: Robert Benton
Drehbuch: Nicholas Meyer
Romanvorlage: Philip Roth

Schauspieler: Anthony Hopkins (Coleman Silk) • Nicole Kidman (Faunia Farley) • Ed Harris (Lester Farley) • Gary Sinise (Nathan Zuckerman) • Wentworth Miller (Coleman Silk als junger Mann) • Anna Deavere Smith (Mrs. Silk) • Harry Lennix (Mr. Silk) • Jacinda Barrett (Steena) • Kerry Washington (Ellie) • Anna Dudek (Lisa Silk) • Phyllis Newman (Iris Silk) • Margo Martindale (Psychologin) • Ron Canada (Herb Keble) • Mili Avital (Iris, jung) • Clark Gregg (Nelson Primus)

Produktion: Gary Lucchesi • Tom Rosenberg • Scott Steindorff
Szenenbild: David Gropman
Kostümbild: Rita Ryack
Maskenbild: Gillian Chandler
Kamera: Jean-Yves Escoffier
Musik: Rachel Portman
Schnitt: Christopher Tellefsen


Bild: Concorde Filmverleih

1 customer review

gut
18.12.03
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