Haute Couture

Kinoplakat Haute Couture

Der Filmtitel "Haute Couture" ruft Gedanken an Paris, Mode und Modenschauen wach. Doch damit hat die Handlung nicht viel im Sinn. Das Drama handelt weniger von Mode, als vielmehr von (verpassten) Chancen.

Jade wächst bei ihrer alleinerziehenden Mutter in einem Vorort von Paris auf. Der Vater hat die Familie verlassen und die junge Frau lebt ziellos in den Tag hinein. Eines Tages ist sie am Handtaschenraub in der U-Bahn beteiligt. Doch der macht sie nicht glücklich und Jade beschließt, die Handtasche der Eigentümerin zurückzubringen. Esther ist die Chef-Schneiderin bei Dior und wenig begeistert vom Leben und der ehrlichen Diebin. Trotzdem erkennt sie in Jade sofort das Potenzial, weil die die richtigen Hände hat, und bietet der jungen Frau eine Praktikantenstelle an. Jade erkennt weder die Chance, noch hat sie Interesse an Mode, Stoff oder dem Erlernen eines Handwerks. Nur weil Esther nicht lockerlässt, besteht Jade das Praktikum. Eine Win-win-Situation: Jade holt Esther aus Depression und Einsamkeit und Esther gibt Jade die Chance sozial aufzusteigen.

Kritik

"Haute Couture" könnte ein modernes Märchen sein, in dem ein Aschenputtel der Jetztzeit seine Chance bekommt. Jade ist jedoch nicht die "Die brillante Mademoiselle Neïla", die Eigeninitiative zeigt, sondern Jade ist eine Figur, die wenig Motivation an den Tag legt und Chancen nicht erkennt. Das ist dem Kritiker nicht fremd, er verhielt sich in dem Alter ähnlich.

Doch zurück zum Film, dem auch das Herz und der Kitsch für ein Märchen fehlen. Das Drama schildert seine Konflikte schematisch. Esther ist auf der Suche nach der Heilung für ihre verpfuschte Mutter-Tochter-Beziehung, von der der Zuschauer nicht erfährt, was vorgefallen ist. Statt sich mit der eigenen Tochter zu versöhnen, nimmt sie Jade als Tochter an und versucht der auf die Sprünge zu helfen. Jade ist vielleicht aufgrund ihrer Herkunft nicht motiviert und hat ein schlechtes Verhältnis zur eigenen Mutter. Am Ende haben die Frauen einander eine Zeit lang gestützt und geholfen.

Aufgedröselt werden die angerissenen Konstellationen leider nicht, denn Konflikte und Problemstellungen streift das Drama leider nur. Beispielsweise werden unterschiedliche Glaubensrichtungen angesprochen, ohne zu Auseinandersetzungen zu führen. Eine Freundin von Jade ist eine Transfrau – was ebenfalls in keinen Ausbau mündet. Schlussendlich thematisiert das Drama viele Aspekte und bleibt insgesamt oberflächlich, weil die Verbindungen fehlen. Abträglich auch, dass die Szenen enden, ehe eine Entwicklung stattgefunden hat. Da sagt Jades Freundin, dass sie nicht arbeiten will und ihr Leben von Sozialhilfe bestreiten. Jade wiederum geht den gegenteiligen Weg. Darüber debattieren die Freundinnen nicht. Insgesamt ist es, als ständen lauter Schachteln mit unterschiedlichen Inhalten nebeneinander. Die Dramaturgie setzt keinen Höhepunkt und geht gleichförmig dahin.

Auch den Figuren mangelt es an Ausbau; die Menschen reden viel und spielen wenig. In den Nebenrollen gibt es eine Querulantin, die Jade Steine in den Weg legt. Darauf angesprochen, sagt die Frau sinngemäß, dass sie private Probleme hat. Esther antwortet, dass alle Menschen Probleme haben, und hier enden die Charakterisierungen der Figuren und die Kontroverse. Wenig glaubwürdig ist die Figur der Catherine. Die bekleidet die Position der stellvertretenden Chefin und soll in wenigen Wochen die Chefposition von Esther übernehmen. Aber als Esther ausfällt, ist Catherine in erster Linie überfordert und hilflos, zeigt keinerlei Führungsqualitäten.

Schade ist weiterhin, dass die Schneiderei eine Kulisse bleibt. Dort arbeitet ungefähr ein halbes Dutzend Frauen an Haute Couture. Wobei es dem Film nicht gelingt, das Sinnliche von fließendem oder fallendem Stoff zu vermitteln. Ein schönes Beispiel für die Vermittlung vom Arbeiten mit Stoff bieten "Die Perlenstickerinnen". In "Haute Couture" verwundert es, dass die Frauen die meiste Zeit Nadeln stecken und wie viel Zeit sie für die Arbeit an einem Kleid haben. Die große Modenschau, die das Publikum erwarten darf, bleibt am Ende aus. Somit ist der Film im Titel groß und in der Darstellung klein.

Der Kritiker will nicht von der Hand weisen, dass der Film vielleicht keine Männer ansprechen will. Eine Kollegin empfand ihn als "richtungsweisend". Eine andere Kollegin fragte, was wir Männer in dem Film wollen?

Fazit
Das Drama "Haute Couture" stellt viele Gesichtspunkte sauber nebeneinander. Das ist fürs Publikum mäßig spannend, weil zu Reibungspunkte fehlen. So bleibt es eine nett gedachte und mit wenig handwerklichem Geschick inszenierte Betrachtung.
Filmkritik: Thomas Maiwald
Wertung: 40 %


Alternativtitel: Haute Couture – Die Schönheit der Geste • Haute Couture – La Beauté du geste
Land: Frankreich
Jahr: 2021
Laufzeit ca.: 101
Genre: Drama
Verleih: Happy Entertainment
FSK-Freigabe ab: 12 Jahren

Kinostart: 21.04.2022
Heimkino: 26.08.2022

Regie: Sylvie Ohayon
Drehbuch: Sylvie Ohayon

Schauspieler: Nathalie Baye (Esther) • Lyna Khoudri (Jade) • Pascale Arbillot (Catherine) • Claude Perron (Andrée) • Soumaye Bocoum (Souad) • Adam Bessa (Abdel) • Alexandrina Turcan (Gloria) • Romain Brau (Séphora) • Claudine Vincent (Madame Crémieux) • Farida Ouchani (Manoubia) • Virgile Bramly (Hammidouche) • Said Benchnafa (Der Wachmann)

Produktion: Olivier Kahn
Szenenbild: Marie Cheminal
Kostümbild: Charlotte Betaillole
Kamera: George Lechaptois
Ton: Pierre Excoffier
Musik: Pascal Lengagne
Schnitt: Mike Fromentin


Bild: Happy Entertainment

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19.04.22
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