Paradise Now

Kinoplakat Paradise Now

Was mag in dem Kopf eines Menschen vorgehen, der sich entschließt, ein Selbstmordattentat zu verüben? Regisseur Hany Abu-Assad führte Gespräche mit gescheiterten Attentätern und Hinterbliebenen. In seinem Film will er auf die Frage nach den Beweggründen keine fassbare Antwort geben. Vielmehr vermittelt er, dass es unmöglich scheint, dem komplizierten Stoff filmisch gerecht zu werden und beschränkt sich darauf, zur Diskussion anregen zu wollen.

Es beginnt mit der Aufnahme einer jungen Frau, die in die Landschaft geworfen wirkt. Mutterseelenallein steht sie vor einem Grenzposten. Erst später erfährt man, dass sie die Tochter eines Märtyrers ist, die im Ausland aufwuchs und nun in ihre Heimat zurückkehrt. Sie verkörpert als überzeugte Pazifistin hauptsächlich die praktische Vernunft. Als Figur leitet sie zu den Freunden Khaled und Said über. Sie werden als ganz normale Personen eingeführt. Nichts scheint an ihnen ungewöhnlich. Am Abend werden beide unterrichtet, auserwählt worden zu sein. Sie sollen am kommenden Tag in Israel ein Selbstmordattentat verüben. Es bleibt ihnen eine letzte Nacht mit der Familie, die sie nicht allein verbringen dürfen, beide begleitet ein Aufpasser. Am nächsten Morgen drehen sie ein Abschiedsvideo, werden herausgeputzt und instruiert.

Doch der erste Anlauf schlägt fehl. Khaled kann sich zu seinen Verbündeten retten, während Said mit der Bombe am Körper durch die Gegend irrt. Es folgt vonseiten der Organisation, die in der Angst lebt, es sei ein Verräter unter ihnen, die Suche nach ihm, während er durch die Gegend streunt. Nach längerem Hin und Her finden die Freunde einander. Es folgt eine Art Verhör vonseiten der Organisation. Dann brechen sie am kommenden Morgen erneut auf. Doch dieses Mal hat Khaled die Nase voll. Er entscheidet sich für das Leben und kann Said scheinbar davon überzeugen, ebenfalls umzukehren.

Kritik

Um es gleich vorwegzunehmen: Die größte Stärke ist gleichzeitig auch die größte Schwäche des Films, der zur Diskussion anregen will, ohne Martyrer zu stilisieren, für eine von zwei Parteien Partei zu ergreifen oder Nachahmern anzustiften. Das ist gelungen mit der Einschränkung, dass man nach dem Sehen genauso schlau ist wie zuvor. Anders gesagt, es gibt nur wenige Anlässe "Paradise Now" zu sehen. Als Unterrichtsmaterial in der Schule mag er gut geeignet sein. Oder auf Festivals, zu denen Menschen gehen, mit der festen Absicht, etwas zu sehen, dass Diskussionsstoff bietet. Mehr kann und will der Film nicht bieten, denn er setzt sich bewusst zwischen die Stühle. Der Regisseur selbst sieht sein Werk als eine Mischung aus psychologischer Studie, Drama und Polit-Film.

Für mich fällt das Ergebnis unbefriedigend aus. Die auftretenden Figuren bleiben absichtlich weitgehend gesichtslos. Sie dreschen politische Phrasen, ohne eine fassbare politische Aussage zu treffen. Standpunkte bleiben angerissen. Das stellt sicher, dass niemand den Film als Rechtfertigung missbrauchen kann oder sich angespornt fühlt, ihn nachzuahmen. Der Selbstmord-Attentäter etwa hinterlässt fassungslose Menschen, deren Trauer nicht thematisiert wird, denn auch das wäre wieder eine Stellungnahme pro Attentäter.

Als Film betrachtet mindern die vielen Genre-Wechsel den Eindruck. Eben noch Kunst ist es in der nächsten Szene ein Psychodrama oder gar ein Politthriller mit Verfolgungsjagden. Das sorgt ebenso für abrupte Wendungen, wie die teils seltsamen Schnitte. Im Extremfall bricht während einer kurzen Autofahrt plötzlich völlige Dunkelheit herein.
Filmkritik: Thomas Maiwald
Wertung: 50 %


Land: DeutschlandFrankreichNiederlande
Jahr: 2005
Laufzeit ca.: 90
Genre: DramaKrimi
Verleih: Constantin Film
FSK-Freigabe ab: 12 Jahren

Kinostart: 29.09.2005
Heimkino: 16.03.2006

Regie: Hany Abu-Assad
Drehbuch: Hany Abu-Assad • Bero Beyer

Schauspieler: Lubna Azabal (Suha) • Hamza Abu-Aiaash (Soldat) • Kais Nashif (Said) • Lotuf Nouasser (Autobesitzer) • Ali Suliman (Khaled) • Mohammad Bustami (Abu-Salim) • Ahmad Fares (Junge) • Waleed On-Allah (Taxifahrer) • Asaad Dwikat (Ladner) • Imad Saber (Kunde) • Mohammad Kosa (Fotograf) • Amer Hlehel (Jamal)

Produktion: Bero Beyer • Amir Harel • Gerhard Meixner • Hengameh Panahi • Roman Paul
Szenenbild: Olivier Meidinger
Kostümbild: Walid Mawed
Maskenbild: Friderike Weber
Kamera: Antoine Héberlé
Musik: Jina Sumedi
Schnitt: Sander Vos


Bild: Constantin Film

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