Der Klang der Stradivari

Kinoplakat Der Klang der Stradivari

Für Astrid steht fest: Sie wird den Herzenswunsch des verstorbenen Vaters erfüllen. Der träumte davon, vier Stradivari für ein Konzert aufspielen zu lassen.

Endlich hat sie das vierte Instrument gefunden. Das Musikstück hat der Vater bereits ausgewählt, den Veranstaltungsort ebenfalls. Die Virtuosinnen und Virtuosen sind gefunden. Jetzt muss nur noch geprobt werden. Letzteres ist einfacher gesagt als getan, denn gemeinsam zu musizieren, ist nicht gleichzusetzen mit einem Zusammenspiel.

Kritik

Selten führen Filmtitel so in die Irre wie in diesem Fall. Der französische Titel "Les musicens" lässt an ein Drama denken. Der deutsche Titel "Der Klang der Stradivari" klingt blumig. Doch weder ist der Film ein Drama noch ein Konzertfilm. Vielmehr ist es ein gemütlicher Film über die Erfüllung eines letzten Wunsches und viele Konzert-Proben.

Der Filmbeginn ist klassisch. Die Handlung führt das Thema und die Figuren ein. Es tauchen die ersten Hindernisse auf. Und es folgt eine verwunderliche Wendung: Obwohl Peter erst ablehnt, dem Projekt beizuwohnen, ist er plötzlich mit von der Partie. Was seinen Sinneswandel herbeigeführt hat, erfahren wir nicht. Das ist leider symptomatisch für den Film. Anstelle von Problemen, die eine Handlung interessant machen, bietet "Der Klang der Stradivari" nur Problemchen. Ein schmerzhaftes Beispiel: Die für mehr als 10 Millionen Euro gekaufte Stradivari fällt zu Boden und ist beschädigt. Der Geigenbauer reist an, begutachtet die Geige und repariert sie im Handumdrehen. Danach wird das Instrument gespielt – und es klingt besser als zuvor! Dabei übersehen die Drehbuchautoren, dass Probleme, die sich wie von Zauberhand lösen, in einem Drama fehl am Platz sind, weil sie den Spannungsbogen drücken.

Enttäuschenderweise ist die Gewichtung der Charaktere unausgewogen. George leidet unter einem übergroßen Ego. Was gut zu einem Künstler passt. Der Rest der Gruppe hat entweder keinen Charakter (wie Lise und Peter) oder dient dazu, Punkte abzuhaken. Apolline ist für Social Media zuständig. Eine Hintergrundgeschichte bringen die Personen nicht mit. Bestenfalls wird etwas angedeutet. So steht es um das Verhältnis der Geschwister Carlson nicht gut. Sie sind reich, aber über Geld spricht man nicht und das Reden über familiäre Probleme überlassen sie anderen.

Viel mehr Gewicht als die Musiker, von denen der Film laut französischem Titel handelt, bekommt der Komponist der Partitur. Der sagt anfangs ab, ist dann (so wie Peter) mit von der Partie. Weil es anfänglich heißt, dass ein Quartett ohne einen Dirigenten spielt, übernimmt Charlie die Rolle des Supervisors und sagt schlaue Dinge, weist die Musiker fallweise darauf hin, dass sie zusammenspielen müssen. Am Aufführungsort überprüft er die Akustik. Nun ist der Kritiker kein Profi, fragt sich aber, ob man nicht berücksichtigen müsste, dass das Publikum die Akustik eines Raumes beeinflusst? Sollte das einem Superhirn wie Charlie nicht auffallen?

Wie gesagt, setzt die Handlung auf einfache Lösungen. So werden Entscheidungen gerne damit begründet, dass Papa es so wollte. Eigene Entscheidungen trifft man/frau nur ungern. Derart machten es sich die Drehbuchautoren leicht, schrieben eine durchsichtige Handlung: vorhersehbar und eindimensional. Einige ihrer Ideen widersprechen dem gesunden Menschenverstand. So lagern vier Instrumente, von denen eines mehr als zehn Millionen Euro wert ist, unbewacht im Zimmer eines Herrenhauses. Ob das alte Gemäuer über eine Alarmanlage verfügt, erwähnt der Film nicht. Diese teuren Instrumente, um nicht zu sagen Schätze, werden von einem Helfer ohne schützenden Koffer getragen, damit eines herunterfallen kann. Genauso widersinnig ist die Idee, dass die Musikerinnen und Musiker am Tag der Aufführung einen Waldspaziergang machen. Raffinierte Finte des Drehbuchs: Es verunglückt dabei nicht der Blinde!

Zum Schauspiel gibt es leider nicht viel zu sagen. Valérie Donzelli als Astrid Carlson versucht, mit möglichst wenigen Gesichtsausdrücken zu spielen. Frédéric Pierrot ist sehr bemüht, zu vermitteln, welche Last er trägt und welche seelischen Qualen ihn peinigen. Dazu macht er viele Worte, und unterbietet Donzelli in puncto Mimik. Der Rest der Besetzung fällt entweder dadurch auf, dass die Rolle keinen Raum zur Entfaltung bietet, oder die Regie keine gefordert hat.

Fazit
Schade, dass der deutsche Filmtitel etwas verspricht, was er nicht halten kann, denn "Der Klang der Stradivari" ist kein Konzertfilm. Es ist auch kein Drama, sondern ein Spielfilm, in dem der Weg das Ziel ist. Die Frage lautet, ob der Film im Fernsehprogramm nicht besser aufgehoben ist als auf der Kinoleinwand. Auch wenn es so klingt, beabsichtigt der Kritiker, niemanden vom Kinobesuch abzuhalten, denn es gibt bestimmt Menschen, die das gerne sehen wollen: Rosamunde Pilcher trifft Klassik.
Filmkritik: Thomas Maiwald
Wertung: 50 %


Alternativtitel: Les Musiciens • The Musicians
Land: Frankreich
Jahr: 2024
Laufzeit ca.: 103
Genre: Spielfilm

Verleih: Weltkino
FSK-Freigabe ab: 0 Jahren

Kinostart: 06.08.2026

Regie: Grégory Magne
Drehbuch: Grégory Magne • Haroun

Schauspieler: Valérie Donzelli (Astrid Thompson) • Frédéric Pierrot (Charlie Beaumont) • Mathieu Spinosi (George (erste Violine)) • Emma Ravier (Apolline (Viola)) • Daniel Garlitsky (Peter (zweite Violine)) • Marie Vialle (Lise (Violoncello)) • Valentin Pradier (Louis) • Nicolas Bridet (Astrids Bruder) • François Ettori (Geigenbauer)

Produktion: Frédéric Jouve Und Pierre-Louis Garnon • Marie Lecoq
Szenenbild: Valérie Faynot
Kostümbild: Bénédicte Mouret
Maskenbild: Justine Valence • Virginie Seffar
Kamera: Pierre Cottereau
Ton: Nicolas Cantin • Daniel Sobrino • Fanny Martin • Olivier Goinard
Musik: Grégoire Hetzel
Schnitt: Béatrice Herminie

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Bild: Weltkino

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