Vanity Fair - Jahrmarkt der Eitelkeit

Kinoplakat Vanity Fair

Das englische Standesdenken im ausgehenden 19. Jahrhundert macht gesellschaftliche Aufstiege nahezu unmöglich. Die Geschichte einer jungen, zu allem entschlossenen Frau, mischt Gesellschaftskritik mit Kostümdrama.

Nicht von Adel oder Geldadel zu sein ist im England des ausgehenden 19. Jahrhunderts bitter. Das erfährt auch Becky Sharp (Reese Witherspoon), die bereits als Kind ihre Eltern verliert. Nach ihrer Erziehung an einem Internat, wo sie als Aschenputtel diente, versucht sie mit aller Kraft in die bessere Gesellschaft einzuheiraten. Der erste Versuch schlägt fehl. Der Bruder ihrer besten Freundin Amelia (Romola Garai) ist zwar Wachs in ihren Händen, doch sein zukünftiger Schwager vereitelt die Verbindung. Die entschlossene Becky tritt deshalb die Stelle einer Gouvernante, bei einer verarmten Adelsfamilie, an. Diese besitzt zwar kein Geld, dafür aber einen Titel.

Dort fällt die junge Frau durch ihre direkte Art wiederholt negativ auf und nutzt die erste Möglichkeit zur Flucht. Die scharfzüngige Erbtante Matilda (Eileen Atkins) nimmt sie zur Gesellschaft mit nach London. Obwohl die Gute davon schwärmt, ihr Neffe Rawdon (James Purefoy) möge mit einer Frau durchbrennen, entpuppt sich die Phrase als romantische Schwärmerei, denn als Becky und Rawdon tatsächlich heiraten, wird er enterbt und verstoßen. Nun müssen das Paar einen Weg finden, im Haifischbecken der feinen Gesellschaft zu überleben.

Kritik

Einen Roman als Film zu adaptieren, dessen Taschenbuchausgabe über 900 Seiten hat, ist eine Kunst, die den Drehbuchautoren nur zum Teil gelang. Sie kämpfen unter anderem damit, dass viele Personen den Schauplatz betreten, wobei ein Film nicht jede Charaktertiefe wiedergeben kann. Deshalb wirken viele Rollen nur angerissen und ihre Entscheidungen bleiben Willkür. So treibt ein reicher Kaufmann die Familie seiner zukünftigen Schwiegertochter in die Armut. Wahrscheinlich um die Hochzeit zu vereiteln, denn eine reichere Kandidatin ist bereits gefunden.

Dass es selbst der Hauptfigur an Tiefe mangelt, ist wiederum nur zum Teil ein Verschulden des Drehbuchs. Die zentrale Figur der Becky ist bereit viele Kompromisse einzugehen, um Teil der Gesellschaft zu werden. Sie lügt und betrügt, doch sind Intrigen jeweils schneller überstanden als gesponnen. Selbst amoralische und skrupellose Züge gehen in der Inszenierung großenteils unter. Gesprächsduelle enden schon mal in unfreiwillig komischen Phrasen. So spricht der Retter am Ende des Films: "Was für eine Wendung!"

Die Handlung von "Vanity Fair" ist für einen reinen Liebesfilm zu komplex und seine Strukturen reichen über ein Kostümdrama hinaus. So kämpft das Werk mit dem Problem, in keine klassische Schublade zu passen. Reese Witherspoon ist als Hauptrolle eine fragliche Besetzung. Sie leistet zwar mehr als das dumme Blondchen in "natürlich blond" zu geben, dennoch bleibt sie angesichts der Schicksalsschläge zu gleichmütig. Ihr Spiel beginnt und endet bei der gewitzten jungen Frau. Zudem verwundert, dass das Leben in über 20 Jahren keine Spuren in ihrem Gesicht hinterlässt. In dieser Hinsicht haben die Visagisten falsche Nachsicht geübt, denn nur wenige Figuren altern, während der Rest die ewige Jugend besitzt.

Mit ihrer Handschrift will Mira Nair besonders freundlich erzählen. Vielleicht ist es auch eine weibliche Sichtweise (was bitte nicht abwertend zu verstehen ist). Über Spannungsspitzen rutscht sie hinweg und gleitet in eine gleichförmige Schilderung: Einzelne Kapitel folgen wie kleine Wellen aufeinander. Am anvisierten Ziel, nämlich Gesellschaftskritik zu üben, schrammt die Regisseurin vorbei und dem Werk fehlt es an Biss. Das Empire lebt, wie seine indische Kolonie, in einem festen Kastensystem. Wer ohne Stand geboren wird, kann nur mit viel Glück oder Geld aufsteigen. Besonders böse: Am Ende ist Indien das gelobte Land. Diese Kritik geht angesichts der Schilderungen von Freundschaften, Ehen und Seilschaften etwas verloren. Für den Zuschauer ist es schwierig die vielen Figuren, die oft nur am Rande etwas beisteuern, jeweils richtig zuzuordnen. Lobenswert ist, dass es ein langer Film ohne Längen ist. Die Bildsprache und kleinen Ideen gefallen. Da fliegt etwa ein Papagei sinnbildlich für ein Männerherz davon.

Fazit
Es fällt schwer, klar für oder gegen den Film zu sprechen. Solides Erzählkino mit Schwächen.
Filmkritik: Thomas Maiwald
Wertung: 60 %


Original Filmtitel: Vanity Fair
Land: GroßbritannienUSA
Jahr: 2004
Laufzeit ca.: 138
Genre: DramaHistorieKostüm
Verleih: Universum Film
FSK-Freigabe ab: 6 Jahren

Kinostart: 31.03.2005
Heimkino: 10.10.2005

Regie: Mira Nair
Drehbuch: Matthew Faulk • Mark Skeet • Julian Fellowes

Schauspieler: Reese Witherspoon (Becky Sharp) • Eileen Atkins (Matilda Crawley) • Jim Broadbent (Mr. Osborne) • Gabriel Byrne (Marquis von Steyne) • Romola Garai (Amelia Sedley) • Bob Hoskins (Sir Pitt Crawley) • Rhys Ifans (William Dobbin) • James Purefoy (Rawdon Crawley) • Jonathan Rhys Meyers (George Osborne) • Tom Sturridge (George, jung)

Produktion: Janette Day • Lydia Dean Pilcher • Donna Gigliotti
Szenenbild: Maria Djurkovic
Kostümbild: Beatrix Aruna Pasztor
Maskenbild: Jenny Shircore
Kamera: Declan Quinn
Musik: Mychael Danna
Schnitt: Allyson C. Johnson


Bild: Universum Film

1 customer review

befriedigend
31.03.05
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