Angel - Ein Leben wie im Traum

Kinoplakat Angel

Der Film "Angel - Ein Leben wie im Traum" ist der neue Film des französischen Regisseurs Francois Ozon, der sich durch Werke wie "Swimming Pool" und "8 Frauen" einen Namen machte. "Angel - Ein Leben wie im Traum" ist sein erster englischsprachiger Spielfilm und sein erster Kostümfilm. Ozon schrieb das Drehbuch nach dem gleichnamigen Roman von Elizabeth Taylor. Und Taylor wiederum nahm die etwas merkwürdige viktorianische Schriftstellerin Marie Corelli für die Figur der Angel zum Vorbild.

England, Ende des 19. Jahrhunderts. Die junge Angel (perfekt für diese Rolle: Romola Garai, bekannt aus "Vanity Fair") lebt mit ihrer Mutter (versucht es allen recht zu machen: Jacqueline Tong) in der englischen Provinzstadt Norley. Mit einem kleinen Gemischtwarenladen verdient sich die Mutter den Unterhalt für sich und ihre Tochter. Doch Angel vergilt es ihr schlecht. Das hübsche junge Mädchen ist fest davon überzeugt, von adeliger Abstammung und nur durch einen dummen Zufall in diesem trostlosen Nest gelandet zu sein. Ihre Mutter behandelt sie wie eine Dienstbotin, kommandiert die einfache Frau, die ihre Tochter abgöttisch liebt, herum, ist frech und arrogant, und tut im Grunde was sie will. Auch in der Schule eckt Angel immer wieder an, Freundinnen hat sie praktisch keine. Ihr größtes Vergnügen ist es, vor der Schule einen Umweg zu machen und bei dem prachtvollen Herrenhaus namens "Paradise House" vorbeizugehen. Da steht sie dann vor dem kunstvoll verschnörkelten Tor und starrt sehnsüchtig das große Gebäude in dem weitläufigen Park an. Das wäre für Angel die richtige Umgebung, nicht die dunkle, enge Wohnung über dem Geschäft. Voller Inbrunst betrachtet sie den prächtigen Landsitz und stellt sich vor, wie es wäre, dort zu leben. Auch ansonsten flüchtet Angel immer gerne in ihre Fantasiewelt: sie schreibt einen Roman über das Leben, das sie gerne führen würde. Mit heißen Wangen und keuchend vor Begeisterung sitzt sie in jeder freien Minute über ihren Heften und schreibt stundenlang mit Tinte verschmierten Fingern. Jeder macht sich lustig über Angel und ihre Schreiberei, aber sie lässt sich nicht beirren. Wenn schon keine Adelige, dann möchte sie wenigstens eine berühmte Schriftstellerin werden!

Den Vorschlag ihrer Tante Lotti, Angel nach ihrem Schulabschluss einen Job als Bedienstete bei einer herrschaftlichen Familie zu besorgen, weist das arrogante junge Fräulein weit von sich. Als ihr Buch fertig ist, schickt sie es an einen Verleger in London. Und siehe da! Der Verlag will das Buch veröffentlichen und lädt Angel nach London ein. Verleger Théo (ruhiger Vatertyp: Sam Neill bekannt aus "Wimbledon") ist mehr als überrascht, als sich die Autorin des schwülstigen Kitschromans als halber Teenager entpuppt. Und Angel benimmt sich auch so. Théo lädt sie zu sich nach Hause ein, wo Angel praktisch mit jedem Wort und jeder Geste seine Frau Hermione (introvertierte Grand Dame: Charlotte Rampling, bekannt aus "Swimming Pool") brüskiert und beleidigt. Hermione, eine Dame der alten Schule, erträgt es mit amüsiertem Lächeln, macht aber ihrem Mann gegenüber kein Hehl daraus, wie unmöglich sie dieses überhebliche, dumme Kind vom Land findet. Noch überraschter ist Théo dann, als sich herausstellt, dass Angel in ihrem ganzen Leben noch kein Buch gelesen hat, und die drastische Schilderung einer Geburt hat sie sich auch ganz alleine zusammengereimt. Théo will ein paar der "überschäumenden" Stellen korrigieren, was Angel aber kategorisch ablehnt. Théo sieht sich schließlich gezwungen, ihren Wünschen nachzugeben, wenn er das Buch veröffentlichen möchte.

Der Roman wird ein Bestseller, einer in einer langen Reihe von erfolgreichen Veröffentlichungen, denn Angel trifft mit ihrer schwülstigen Schreibweise genau den Geschmack der Frauen dieser Zeit. Angel Deverell ist der neue Superstar am englischen Autorenhimmel. Jetzt kann sie sich alles leisten, wovon sie immer geträumt hat. Jetzt trifft sie all die vornehmen Leute, für die sie früher nicht vorhanden war. Jetzt ist sie wer! Und Angel kostet es auf ihre naiv raffinierte Weise voll aus. Keine Männergeschichten, aber Champagner und Pelze, Geschmeide und prachtvoller Roben! Wie im Rausch schreibt sie einen erfolgreichen Kitschroman nach dem anderen und genießt das süße Leben in vollen Zügen. Und kauft schließlich sogar ihr Traumhaus: "Paradise House". Doch dann trifft Angel bei einem Empfang die Geschwister Nora (betet Angel an: Lucy Russell, bekannt aus "Batman Begins" und "Tristan und Isolde") und Esmé (verachtet Angel: Michael Fassbender, bekannt aus "300"). Nora wirft sich Angel zu Füßen und fleht sie an, für sie arbeiten zu dürfen. Esmé ignoriert Angel mehr oder weniger und macht aus seiner Verachtung keinen Hehl. Doch Angel verliebt sich Hals über Kopf in Esmé. Sie akzeptiert Nora als Sekretärin und Mädchen für alles, weil sie ja damit auch Esmé näher ist. Sie weiß ja nicht, dass sich die beiden Geschwister nicht sonderlich gut leiden können. Der attraktive junge Mann ist Maler, ein ziemlich erfolgloser Maler, und seine Bilder sind keineswegs nach Angels Geschmack. Sie liebt schwülstige, kunterbunte Bilder, die ihren Kitschromanen ähneln. Bilder mit bunten Blumensträußen oder niedlichen Tieren. Esmé dagegen ist ein verbitterter, selbstquälerischer Expressionist, der am liebsten Friedhöfe oder dunkle, heruntergekommene Arbeiterviertel malt. Aber wenn Angel sich etwas einbildet, dann ist sie stur wie tausend Rinder. Und so lässt sie sich von Esmés unübersehbarer Abneigung gegen sie, und das was sie darstellt, nicht beirren. Sie stellt dem Künstler, der unter chronischer Geldnot leidet, so lange nach, bis er schließlich seinen Widerstand aufgibt.

Angel ist eine bildschöne Frau geworden, hüllt sich in prachtvolle Gewänder, hat ein gigantisches Haus zu bieten - und viel Geld. Esmé gibt also schließlich nach und heiratet Angel. Jetzt ist für Angel das Glück komplett. Sie hat alles erreicht, was ihr in ihren kühnen Jugendträumen vorschwebte. Esmé ist für sie die große, die einmalige und die einzige Liebe ihres Lebens, genau das, was sie immer in ihren Romanen beschreibt. Und ihre Liebe zu ihm wird dem erfolglosen Künstler auch schlussendlich die Anerkennung bringen, die er verdient. Dafür wird sie schon sorgen! Doch Angel merkt nicht, dass sie Esmé mit ihrer Liebe, ihrer Hingabe und ihrem ständigen Einmischen in alles, fast erdrückt. Als der Erste Weltkrieg ausbricht, meldet sich Esmé sofort an die Front. Angel ist entsetzt. Für sie ist der Krieg nur eine lästige Randerscheinung, die bald wieder vergehen wird. Patriotismus hat für die Egozentrikerin keine Priorität. Und so versteht sie Esmés Reaktion auf den Krieg überhaupt nicht. Sie nimmt sein Weggehen persönlich, bricht den ersten großen Streit ihrer Ehe vom Zaun, und wird schließlich zu einem psychischen Wrack. Auch Noras liebevolle Zuneigung und Mitgefühl können ihr nicht helfen. Und das Schlimmste: Sie ist schwanger und verliert infolge der Aufregungen das Kind. Angel gibt dem Krieg die Schuld an allem und fängt an, Romane gegen den Krieg zu schreiben. Was natürlich im patriotischen England nicht sonderlich gut ankommt. Ihr Schriftstellerstern beginnt zu sinken und Angel wird in ihrer Trauer und Einsamkeit immer exzentrischer. Die ganzen Kriegsjahre über hört sie nichts von Esmé, nur Nora weiß, wo er ist. Esmé kommt nämlich durchaus regelmäßig nach London, wo er eine Geliebte hat. Aber er will Angel nicht sehen. Erst als er in einem Gefecht ein Bein verliert, kehrt er zu Angel zurück. Aber er hat sich verändert, er verbringt seine Nächte trinkend in Kneipen mit Huren und anderen Säufern, und fordert von Angel immer wieder große Geldsummen, um damit seine angeblichen Spielschulden zu bezahlen. Angel ist blind für die depressiven Anzeichen bei Esmé. Sie schreibt wieder wie eine Besessene, weil ja jetzt wieder alles so ist wie früher. Doch dann findet Nora eines Morgens ihren Bruder im Salon - er hat sich erhängt.

Kritik

Der Film "Angel - Ein Leben wie im Traum" ist ein Spielfilm, der einen im Laufe der Handlung immer mehr gefangen nimmt. Zunächst betrachtet man etwas mitleidig das hysterische kleine Monster namens Angel, das mit einer Arroganz sondergleichen durch das Leben stolziert, und jeden mit ihrer fürchterlichen Art verletzt, beleidigt, oder vor den Kopf stößt. Man hofft geradezu, dass sich kein Mensch für ihren schwülstigen Roman interessiert, und dass ihr im wirklichen Leben als Dienstmädchen die Flausen ausgetrieben werden. Man wundert sich über den mehr als nur geduldigen Verleger, der schließlich doch ihren Roman ohne Veränderungen veröffentlichen will - und erlebt dann bei der Kutschfahrt zum Bahnhof eine ganz andere Angel.

Plötzlich ist sie ein junges, unerfahrenes Mädchen vom Lande, das zum ersten Mal in der Großstadt ist. Die mit großen Kulleraugen und vor Erstaunen und Begeisterung weit offenem Mund die grandiosen Schönheiten Londons bewundert. Die in der offenen Kutsche herum hüpft und sich fast schwindlig dreht, um nur ja nichts zu übersehen. Und da ist plötzlich ein sympathisches junges Mädchen, etwas überspannt, na klar, aber eigentlich so wie alle anderen jungen Mädchen: Jung, unerfahren, naiv, aber voller Lust nach Leben und Erfahrung und allem Neuen. Und derartige Wechselbäder gibt es noch viele, nachdem Angel zum Superstar der Literaturwelt aufgestiegen ist. Und die bezaubernde Romola Garai meistert all diese wechselnden Gefühlslagen mit Bravour. Sie ist einfach die perfekte Besetzung für diese im Grunde genommen unsichere und später so unglückliche Frau. Beängstigend ihre Verwandlung in eine Karikatur ihrer selbst, als sie nach dem Krieg immer noch mit gewaltigen Hüten und langen Röcken und üppigen Glitzer-Tüchern und gespenstischem Make-up herumläuft, unfähig, in der neuen Zeit weiterzuleben. Hinreißend ist sie, wenn sie mitten im strömenden Regen aus vollem Herzen und mit ungeahnter Ehrlichkeit dem zögerlichen Esmé einen Heiratsantrag macht. Viel Fingerspitzengefühl zeigt sie, wenn in ein paar Szenen angedeutet wird, dass ihre Beziehung zu Nora vermutlich nicht nur rein freundschaftlich war. Und absolut überzeugend ist ihr Schmerz, als sie schließlich die Wahrheit über Esmé erfährt. Auch die restliche Schauspielerriege ist perfekt und mehr als nur überzeugend, aber "Angel" spielt sie alle an die Wand. Wunderbar die Musik, die Philippe Rombi zu diesem Film schrieb, hinreißend die bombastischen Kostüme, eine wahre Augenweide die Drehorte - sobald Angel das triste Norley verlässt.

Fazit
Der Film "Angel - Ein Leben wie im Traum" ist ein unbedingt sehenswerter Film über eine bemerkenswerte Frau. "Angel" ist zwar eigentlich ein Miststück, aber mit durchaus menschlichen Gefühlen, und außerdem - wie hätte eine Frau zu dieser Zeit Karriere machen können, ohne mehr Durchsetzungsvermögen zu besitzen als jeder Mann? Und als Seelchen hätte sie da schlechte Karten gehabt. Der Film "Angel - Ein Leben wie im Traum" bietet 115 Minuten beste Unterhaltung und bestes Schauspielerkino - ganz ohne Action und Special Effects - für alle, die Kostümfilme mögen.
Filmkritik: Julia Edenhofer


Original Filmtitel: Angel
Alternativtitel: Angel – Ein Leben wie im Traum
Land: BelgienFrankreichGroßbritannien
Jahr: 2006
Laufzeit ca.: 119
Genre: DramaKostümRomantik
Verleih: Concorde Filmverleih
FSK-Freigabe ab: 6 Jahren

Kinostart: 09.08.2007
Heimkino: 29.09.2010

Regie: François Ozon
Drehbuch: Martin Crimp • François Ozon
Literaturvorlage: Elizabeth Taylor

Schauspieler: Romola Garai (Angel Deverell) • Sam Neill (Théo) • Lucy Russell (Nora Howe-Nevinson) • Michael Fassbender (Esmé) • Charlotte Rampling (Hermione) • Jacqueline Tong (Mutter Deverell) • Janine Duvitski (Tante Lottie) • Christopher Benjamin (Lord Norley) • Tom Georgeson (Marvell) • Simon Woods (Clive Fennelly) • Jemma Powell (Angelica) • Alison Pargeter (Edwina)

Produktion: Olivier Delbosc • Marc Missonnier
Szenenbild: Katia Wyszkop
Kostümbild: Pascaline Chavanne
Maskenbild: Marese Langan
Kamera: Denis Lenoir
Musik: Philippe Rombi
Schnitt: Muriel Breton


Bild: Concorde Filmverleih

vorgeschlagen

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok Ablehnen