Wir sind dann wohl die Angehörigen

Kinoplakat Wir sind dann wohl die Angehörigen

Eine spannende Ausgangslage: In einem Haus leben fremde Menschen temporär zusammen, müssen Spannung und Ungewissheit ertragen. Dadurch kommt es unter den Menschen zu Spannungen, die sich erstaunlich selten entladen. Leider ein deutsches Drama.

Jan Philipp will im Nachbarhaus arbeiten und verlässt das Wohnhaus der Familie. Er kehrt nicht zurück. Seine Ehefrau Ann Kathrin Scheerer geht ihn suchen und findet unter einer Handgranate das Schreiben von Entführern. Sie ist geschockt und holt telefonischen Rat ein (zunächst nicht bei der Polizei). Sie bekommt Hilfe von Christian Schneider, einem Freund der Familie. Kurze Zeit darauf werden zwei Beamte der Polizei Teil des Haushalts. Die Männer sollen die Ehefrau und den Sohn des Entführten unterstützen. Außerdem lenken sie die Aktionen im Haus und hören Telefonate ab. Auch der Anwalt der Familie Johann Schwenn zieht in das Haus ein. Für länger als anfangs gedacht leben die Menschen zusammen und versuchen die Spannung und die Ungewissheit zu ertragen. Die Entführer rufen mehrfach und geben Anweisungen für Geldübergaben, die scheitern. Im Film ist das Ungeschick des Anwalts der Hauptgrund für das Scheitern. Allerdings agiert auch die Polizei glücklos und am Ende müssen Außenstehende helfen, den Entführern das Lösegeld zukommen zu lassen.

Kritik

Das Drama beginnt gewitterschwer und verschenkt damit die Möglichkeit, die Spannung mit der Entführung zu erhöhen. Und der Film enttäuscht in weiteren Gesichtspunkten. Er vermittelt den Eindruck, dass die Kreativen keine Figuren aufbauen. Da zeigt Adina Vetter als Ann Kathrin Scheerer wenig von dem, was der Zuschauer erwarten könnte. Die Schauspielerin ist wenig bemüht darzustellen, dass sie unter Druck steht, bleibt erstaunlich gefasst, erlaubt sich keinen Tick, wie Knibbeln mit den Fingernägeln oder das Zwirbeln von Haaren. Handlungen, die Unbewusstes nach außen tragen. Stattdessen raucht sie Zigaretten (was fürs Publikum wenig transportiert). Das Gehabe einer Millionärsgattin wäre denkbar, wird jedoch nicht gezeigt. Nun muss nicht jede schwerreiche Frau auftreten wie in "Wanda mein Wunder".
Die durchschnittliche Möblierung des Hauses und die Kleidung der Ehefrau und des Sohnes fallen auffällig durchschnittlich aus. Claude Heinrich als Sohn Johann ist wie eine Rolle aus einem Sozialdrama angelegt und passt schlecht in das gutbürgerliche Elternhaus.
Am besten ist die Rolle des Anwalts gelungen, die Justus von Dohnányi ein wenig zu gestalten sucht. Die Polizei-Beamten nennen ihre Decknamen und bleiben ansonsten anonym. Das kann realistisch sein – und im Drama ist es abträglich, weil die Polizisten keine Beziehungen zu den restlichen Figuren aufbauen.

Leider lassen Drehbuch und Regie den Rollen wenig Raum zur Entfaltung. Die Dialoge kommen wie aus der Pistole geschossen, oft zu früh und wirken auswendig gelernt. Wenn Adina Vetter ihre Erinnerungen schildert, dann klingt das wie vom Blatt gelesen. Außerdem schneidet die Handlung Streitgespräche in der Regel nach wenigen Sätzen ab. Salopp gesprochen wird stets dann abgebrochen, wenn es interessant werden könnte. Durch dieses Stilmittel bleibt die Erzählung oberflächlich, weil die Figuren Schablonen bleiben. Enttäuschend ist weiterhin, dass zwischen den Menschen, die in begrenzter Enge eine Zwangsgemeinschaft eingehen, so wenig passiert. Nach fast zwei Stunden Laufzeit haben die Menschen keine Vita; nur der Sohn einen Freund. Die Mutter scheint fast gar nicht in ein soziales Gefüge eingebunden zu sein. Das Entführungsopfer Jan Philipp lernt das Publikum nicht kennen. Das kann beabsichtigt sein, weil der Hergang aus der Sicht der Angehörigen geschildert wird. In der Familie wird er Jan Philipp genannt. Das kann bedeuten, dass es eine progressive, vielleicht linke Familie ist. Aus der Handlung kann der Kritiker das nicht eindeutig herauslesen. Deuten kann er einige Szenen nicht. Wie die Schießübung auf dem Rummelplatz oder die Kameraeinstellung, in der Justus von Dohnányi wortlos seine Schuhe auszieht. Die Frage, was der Film vermitteln möchte, muss ebenfalls unbeantwortet bleiben.

Fazit
Das Drama "Wir sind dann wohl die Angehörigen" ist als künstlicher Naturalismus inszeniert. Handwerklich überzeugt der Film nicht. Ein Spannungsbogen fehlt, es geht gleichförmig dahin. Die Figuren erwachen nicht zum Leben. Lokalkolorit, Frisuren und Kleidung entsprechen den Rollen kaum. Tiefgang wird vermieden, zugunsten einer stakkatohaften Darstellung.
Filmkritik: Thomas Maiwald
Wertung: 50 %


Land: Deutschland
Jahr: 2022
Laufzeit ca.: 118
Genre: DramaKrimi
Verleih: Pandora Filmverleih
FSK-Freigabe ab: 12 Jahren

Kinostart: 03.11.2022

Regie: Hans-Christian Schmid
Drehbuch: Michael Gutmann • Hans-Christian Schmid • Juliane A. Ahrens
Literaturvorlage: Johann Scheerer

Schauspieler: Claude Albert Heinrich (Johann Scheerer) • Adina Vetter (Ann Kathrin Scheerer) • Justus von Dohnányi (Johann Schwenn) • Hans Löw (Christian Schneider) • Yorck Dippe (Vera) • Enno Trebs (Nickel) • Fabian Hinrichs (Rainer Osthoff) • Theresa Berlage (Claudia Brockmann) • Caspar Hoffmann (Tobias) • Oskar Lampen (Kai) • Uwe Zerwer (Professor Clausen) • Knud Riepen (Michael Herrmann) • Philipp Hauß (Jan Philipp Reemtsma) • Ingmar Grapenbrade (Zivilpolizist) • Patrizia Elisabeth Scherer (Anke Hansen) • Rabea Wyrwich (Büromitarbeiterin) • Lisa Josephine Ahorn (Anke Hansen) • Dennis Svensson (Fotograf)

Produktion: Britta Knöller • Hans-Christian Schmid
Szenenbild: Zazie Knepper
Kostümbild: Christian Roehrs
Maskenbild: Stefanie Gredig • Pia Karlotta Paprzik
Kamera: Julian Krubasik
Ton: Patrick Veigel
Musik: The Notwist
Schnitt: Hansjörg Weißbrich


Bild: Pandora Filmverleih

1 customer review

Befriedigend
02.11.22
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