Es gilt das gesprochene Wort

Kinoplakat Es gilt das gesprochene Wort

Im Jahr 2019 ist Migration ein heißes Thema. Das Drama geht das Thema aus der Sicht eines Wirtschaftsflüchtlings an, nimmt es als Grundlage und setzt weitere Konflikte darauf. Angefangen bei Beziehungen, über die Flüchtlingsproblematik bis hin zu Krebs. Im Mittelpunkt steht eine starke Frau, die nicht leicht unterzukriegen ist. Bis eine Erschütterung der nächsten folgt.

Ein Urlaub in der Türkei führt die emanzipierte Marion und den jungen Gigolo Baran zusammen. Sie weist seine Avancen scharf zurück und gleichzeitig bringt Baran in ihr eine Saite zum Klingen. Als sie abends eine übergewichtige Sex-Touristin beobachtet, die Baran anspricht, erwacht in Marion der Beschützerinstinkt und sie tritt entschlossen ein, schlägt die Frau in die Flucht. Baran nimmt den Faden auf und bittet Marion ihn mitzunehmen nach Deutschland. Die wiegelt zunächst ab und baut ihm dann doch eine Brücke. Sie will einen klaren Deal: Nach einer Scheinehe von drei Jahren soll Baran einen Pass bekommen. Doch so einfach ist die Abmachung nicht, denn Baran weckt in Marion Gefühle, die sie bislang stets verleugnet hat.

Kritik

Das Drama "Es gilt das gesprochene Wort" stellt eine starke Frau in den Mittelpunkt und ist interessant für alle Fans der Hauptdarstellerin Anne Ratte-Polle. Die Handlung mit dem verkopften Titel hat den Mut viele heiße Eisen anzusprechen. Das Verhältnis von Kurden und Türken. Frauen als Sextouristinnen. Eine Hauptdarstellerin mit Brustkrebs, die Angst vor Nähe hat und eine Affäre mit einem verheirateten Mann lebt. Später geht sie eine Beziehung mit einem wesentlich jüngeren Mann ein. Er verlässt seine Heimat und sucht nach einem besseren Leben in einer für ihn fremden Kultur. Die behandelnde Ärztin ist lesbisch. So viel Konfliktstoff klingt nach einem filmischen Festmahl für Kreative und Zuschauer.

Leider ist es jedoch so, dass der Film in der Ausarbeitung vieles anreißt und nichts ausbaut. Die Handlung bricht immer dann ab, wenn es emotional wird und damit spannend. Entweder Marion sagt, sie möchte nicht über das Thema reden oder sie beendet das Gespräch anderweitig. Dadurch wird dem Zuschauer stets etwas vorenthalten.
Selbst die Kernfragen bleiben unbeantwortet. Was ist Marions Motivation? Warum holt sie Baran nach Deutschland? Was wird aus der Ehe des Liebhabers? Und was aus Marions Verhältnis mit ihm? Warum klärt der Film den Gepäckdiebstahl nicht auf? Ist Baran ein Dieb? Darauf bekäme ich gerne eine Antwort und gehe leer aus.
Eine Handlung mit vielen offenen Enden könnte trotzdem dann interessant sein, wenn sie packend gespielt wäre. Leider kann davon nicht die Rede sein. Es fehlt schauspielerische Bandbreite. Anne Ratte-Polle stellt die herbe Frau in nahezu allen Szenen gleich dar. Godehard Giese bekommt keine Möglichkeit zur Entfaltung, ebenso wie Ogulcan Arman Uslu, der nur äußerlich Veränderungen hinsichtlich Frisuren und Bart zeigt.

Ein weiteres Problem besteht darin, dass der Film nahe an seinen Figuren sein möchte, aber Intimität nur während der Sexszenen zeigt. Der Zuschauer bleibt trotz der gezeigten Nacktheit außen vor, weil die Personen oberflächlich sind, keine Vergangenheit haben und keine Veränderungen durchlaufen. Die Handlung bleibt herausgegriffen und setzt keinen dramatischen Höhepunkt, sondern geht gleichförmig dahin. Das erzeugt in mir den Eindruck von Unbestimmtheit.

Fazit
In der gesehenen Fassung von "Es gilt das gesprochene Wort" wird viel Englisch und Türkisch gesprochen. Das verleiht dem Film jedoch keine Authentizität. Die teils gefälligen Bilder erzählen keine Geschichte und die Figuren bleiben flach. Angesichts des angedachten Konfliktstoffs eine Enttäuschung.
Filmkritik: Thomas Maiwald
Wertung: 30 %


Alternativtitel: I Was, I Am, I Will Be
Land: Deutschland
Jahr: 2019
Laufzeit ca.: 120
Genre: Drama
Verleih: X Verleih
FSK-Freigabe ab: 12 Jahren

Kinostart: 01.08.2019

Regie: Ilker Çatak
Drehbuch: Nils Mohl • Ilker Çatak

Schauspieler: Anne Ratte-Polle (Marion) • Oğulcan Arman Uslu (Baran) • Godehard Giese (Raphael) • Jörg Schüttauf (Mark) • Johanna Polley (Leonie) • Sebastian Urzendowsky (Johann) • Lina Wendel (Dr. Evi Stade) • Sandra Bourdonnec (Colette) • Ali Seçkiner Alici (Idris) • Katharina Behrens (Birte) • Klaus Frevert (Mitarbeiter (Security)) • Özgür Karadeniz (Ferdi)

Produktion: Ingo Fliess
Szenenbild: Zazie Knepper
Kostümbild: Christian Röhrs
Maskenbild: Barbara Kreuzer • Stefanie Gredig • Sandra Jethon
Kamera: Florian Mag
Ton: Joern Martens
Musik: Marvin Müller
Schnitt: Jan Ruschke • Sascha Gerlach


Bild: X Verleih

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